Die Deutschen investieren wieder in Aktien. Im Zuge der Corona-Pandemie und den Markteinbrüchen im Frühjahr 2020 haben vor allem Jüngere den Kapitalmarkt entdeckt – auch befeuert durch sogenannte Neobroker, die mit vermeintlich niedrigen oder gar keinen Ordergebühren locken. In einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) diskutieren Sven Giegold, der für die Grünen im Europäischen Parlament sitzt, und Helge Lach, Vorstand der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), die Frage, ob der Kauf von Wertpapieren ohne Beratung durch einen Experten sinnvoll ist. Schließlich ist der Erwerb von wenigen Einzelwerten immer mit mehr Risiko behaftet als ein diversifiziertes Depot mit einer Vielzahl an Aktien und Anleihen. Hier sind beide einer Meinung.

Das Einvernehmen endet aber bei einer anderen Frage: Sollte eine Beratung durch einen Experten gegen Honorar oder auf Basis von Provisionen erfolgen? Grünenpolitiker Giegold plädiert klar für die Honorarberatung, weil auf diese Weise kein Interessenkonflikt für den Vermittler bestehe: Nämlich den zwischen den von den Produktgebern gezahlten Abschlussprovisionen und dem Interesse eines Kunden an dem für ihn besten Produkt: "Das erreicht man, wenn man die Anreize ändert, wenn der Erfolg weder der Bankfiliale noch deren Angestellten davon abhängt, dass sie dem Sparer das andrehen, wofür sie die höchste Provision kassieren, sondern der Kunde ein Honorar bezahlt und dafür das beste, solideste Produkt erhält", zitiert ihn die FAS. Schließlich handele es sich bei den Gesprächen nicht um eine Beratung, sondern um einen Produktverkauf.

Kollaps für die Branche
"Ich behaupte: Für Sparer kann die Honorarberatung am Ende teurer werden als die Provisionsberatung", hält Lach dagegen. Gegen gesunden Wettbewerb, also ein Nebeneinander beider Modelle, sei nichts einzuwenden, aber: "Wir wehren uns mit Haut und Haaren gegen die Versuche der Politik, die Beratung auf Provisionsbasis schleichend abzuschaffen oder gar gesetzlich zu verbieten. Das geht an unsere Existenz, ohne dass es dem Kunden irgendwas bringt."

In Großbritannien habe man gesehen, wohin ein solches Verbot führt: "Persönliche Beratung können sich dort nur noch vermögende Kunden leisten. Die Banken bieten sie nicht mehr an, weil es sich für Anleger mit 10.000 Pfund nicht rechnet." Der DVAG-Vorstand weist in der Diskussion, die sich vor allem um Vermittlung in Banken dreht, ferner darauf hin, dass sich die Zahl von Bankfilialen in den vergangen 15 Jahren halbiert habe und es entsprechend weniger Berater gebe. "Wird jetzt noch unsere Haupteinnahmequelle, die Provision, angegriffen, würde das zum kompletten Kollaps der Branche führen. Wenn Sie das wollen, müssen Sie es sagen."

Giegold führt in dem Zusammenhang ein Lieblingsprojekt der Grünen an: Einen Bürgerfonds nach schwedischem Vorbild, über den die Verbraucher kostengünstig Zugang zum Kapitalmarkt erhalten. "Wir sind sehr dafür, dass ein Teil der Einkommenslücke im Alter durch privates Sparen am Kapitalmarkt geschlossen wird, mit einfachen und günstigen Finanzprodukten. Lange genug haben Banken und gerade auch Strukturvertriebe zu teure Dinge in den Markt gedrückt – ohne eine entsprechende Aufsicht." Das Argument lässt Lach nicht gelten, das Problem sei mittels Regulierung längst gelöst. Heute dürfe kein freier Vermittler ohne gewerbliche Zulassung Anlageprodukte verkaufen. Vor allem aber zweifelt er daran, dass ein solcher Bürgerfonds kostengünstig ist: "Und was Sie unterschlagen: Ein Staatsfonds benachteiligt die privaten Anbieter, die starren Regeln und unendlicher Bürokratie unterliegen. Das kostet alles richtig Geld." (jb)