"Ein Fonds ist wie ein Kassettenspieler, ein ETF wie Spotify"
Börsengehandelte Fonds mit aktivem Management erfahren Aufwind. Michael O'Riordan vom Beratungshaus Blackwater ETF mahnt jedoch, dass manche Anbieter mit dem Begriff "aktiv" lediglich Nebelkerzen zünden. Zudem warnt er davor, Abstriche bei Transparenz und Liquidität zu machen.
Während klassische Publikumsfonds mit Absatzproblemen ringen, erfährt das Segment der börsengehandelten Fonds (ETFs) seit Jahren ein enormes Wachstum. Zusehends betreten auch traditionelle Asset Manager das Feld und packen aktive Strategien in den Mantel eines ETFs. Den Aufstieg der ETFs bekam Michael O'Riordan mit. Er arbeitete im Asset Management von Häusern wie Credit Suisse, HSBC, Blackrock und JP Morgan. Schließlich gründete er das Beratungshaus Blackwater ETF, das einerseits Anbieter beim Start eines ETF-Geschäfts hilft, andererseits auch in der Personalberatung in dem Segment aktiv ist.
Herr O'Riordan, das Thema schlechthin im Feld der börsengehandelten Fonds sind aktive ETFs. Warum erfährt das Segment eine derart große Aufmerksamkeit, obwohl das Volumen in Europa doch gering ist?
Michael O'Riordan: Tatsächlich würde ich mit einem Urteil noch abwarten, ob das Segment zu mehr Wachstum im Markt führt und einen bedeutenden Anteil am verwalteten Vermögen erreicht. Der Bereich ist einfach noch sehr, sehr neu. Obendrein wäre ich vorsichtig bei dem, was viele Manager in Europa als aktiv bezeichnen. Viele der sogenannten aktiven Strategien hangeln sich tatsächlich recht nah an einem Vergleichsindex entlang. Eigentlich handelt es sich dabei um ETFs auf einen Index wie den S&P 500. Das ergänzen die Anbieter um eine Abweichung und kleben ein neues Namensschild darauf. Mit einem konzentrierten, aktiven Portfolio hat das meist wenig zu tun. Da zünden manche einfach nur Nebelkerzen.
Gleichwohl stürzen sich viele eingefleischte aktive Asset Manager geradezu auf dieses Feld.
O'Riordan: Um es ein wenig zynisch zu formulieren: Das ist einfach eine weitere gute Gelegenheit, um neue Produkte auf den Markt werfen zu können. Für die klassischen Fondsgesellschaften sind die aktiven ETFs der Schlüssel, der ihnen die Tür zum ETF-Markt öffnet. Als nur passive ETFs vorherrschten, war den traditionellen Investmentmanagern der Weg zu diesem stark wachsenden Segment praktisch verbaut. ETFs und aktives Management passten nicht zusammen. Das hat sich geändert.
Wenn traditionelle Fondshäuser ein Stück vom Wachstum dieses Marktes ergattern wollen und ihre aktiven Strategien in den Mantel eines ETF packen, droht da nicht eine Kannibalisierung?
O'Riordan: Natürlich kann man als Anbieter diese Haltung einnehmen. Doch damit verschließt man auch die Augen davor, was in der Branche vor sich geht. Wenn nun ein Asset Manager keine ETFs auflegt, dann könnte es darauf hinauslaufen, dass in ein paar Jahren gar nichts mehr übrig ist, was kannibalisiert werden könnte. Denn das gesamte Geld ist zu den anderen Häusern abgeflossen, die ETFs anbieten. Vielleicht kassiert der Gewinn einer Fondsgesellschaft kurzfristig einen Dämpfer, wenn diese immer mehr aktive ETFs anbietet. Doch der Knick wird langfristig viel größer ausfallen, wenn sie es nicht tut. Man muss sich also jetzt darauf einlassen, um sein Geschäft für die Zukunft zu schützen.
Entwickeln sich ETFs tatsächlich zum Zukunftsmodell für die Asset-Management-Branche?
O'Riordan: Da hilft ein Blick auf die jüngere Generation. Diese wendet sich kaum mehr an Finanzberater, sondern informiert sich bei digitalen Plattformen wie Instagram oder Tiktok. Entsprechend suchen junge Menschen Instrumente, die sie über ihr Mobiltelefon handeln können – und da wären wir beim ETF. Der herkömmliche Publikumsfonds ist wie ein Kassettenspieler, ein ETF wie der Streamingdienst Spotify.
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Also wenden sich immer mehr Privatanleger ETFs zu?
O'Riordan: Ja, das Retailgeschäft gewinnt bei ETFs eine immer größere Bedeutung. Früher konzentrierten sich die großen Anbieter auf die professionellen Investoren. Heute knüpfen sie Partnerschaften mit digitalen Kanälen wie Scalable oder Trade Republic – und nähern sich so den Privatkunden an.
Der ETF-Markt wandelt sich auch in anderer Hinsicht. Nachdem in den USA die tägliche Transparenz bereits seit 2019 nicht mehr vorgeschrieben ist, erlauben nun auch die Regulierer in Luxemburg und Irland Abweichungen. Was halten Sie davon?
O'Riordan: Insbesondere aktive Asset Manager forderten eine Erleichterung bei der täglichen Transparenz. Letztendlich setzten sich semi-transparente ETFs in Amerika aber bis heute nicht durch. Entsprechend war ich enttäuscht, dass Luxemburg und Irland nun ebenfalls die Transparenz-Anforderungen abgesenkt haben. Letztendlich ist es doch im Sinne der Anleger, dass Investmentprodukte so transparent wie nur möglich sind. Wenn man sich von der Transparenz abwendet, dann schützt das die Anleger nicht wirklich.
Obendrein stoßen Anbieter in weniger liquide Nischen oder gar alternative Investments vor. Wie beurteilen Sie diesen Trend?
O'Riordan: Die Emittenten testen aus, wo sie noch mehr Produkte verkaufen können. Alternative Investments sind aber weder liquide noch günstig – noch transparent. Ich halte das für keine so gute Entwicklung. Damit wendet sich die Branche von den Prinzipien ab, die ihr in den vergangenen 30 Jahren so einen großen Erfolg beschert haben. Die Anbieter tragen eine Verantwortung und sollten die Marke des ETF schützen. Wenn auch nur ein ETF gegen die Wand fährt, wirft das ein schlechtes Licht auf die gesamte Branche.
Vielen Dank für das Gespräch. (ert)













