Die Branche hatte sich etwas mehr Zeit erhofft, doch seit Monatsbeginn ist es amtlich: Anlageberater und Vermögensverwalter müssen ihre Kunden bereits ab August kommenden Jahres zu ihren Nachhaltigkeitspräferenzen befragen und diese in der Geeignetheitsprüfung zwingend berücksichtigen. So sieht es die Neufassung für die Delegierte Verordnung 2017/565 zur Umsetzung von Mifid II vor, die am 2. August 2021 im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht worden ist. Christian Waigel, Partner der Münchner Kanzlei Waigel Rechtsanwälte, erklärt im Interview mit FONDS professionell ONLINE, was auf Banken und Wertpapierfirmen nun zukommt.


Herr Waigel, ab August nächsten Jahres müssen Anlageberater und Vermögensverwalter ihre Kunden explizit zu ihren Nachhaltigkeitspräferenzen befragen. Wie aufwendig wird es für die Branche, den neuen Pflichten nachzukommen?

Christian Waigel: Das wird sehr aufwendig. Die Sache beginnt ja schon damit, dass die Bögen für die Kundenanalyse, die kurz als WpHG-Bögen bekannt sind, ergänzt und neugestaltet werden müssen. Das ist allerdings noch das kleinste Übel. Es reicht natürlich nicht, dem WpHG-Bogen eine Seite oder ein paar ergänzende Zeilen hinzuzufügen. Auch die Prozesse dahinter müssen verändert werden. Anlageberater und Vermögensverwalter müssen bei ihren Kunden nicht nur die erweiterten Angaben abfragen, sondern ihnen auch geeignete Finanzinstrumente zur Verfügung stellen. Entsprechende Produkte haben viele Anbieter aber noch gar nicht ihrer Palette.

Da sind wir schon bei den Produkten. Berater und Vermögensverwalter müssen ihre Kunden fragen, in welche nachhaltigen Finanzinstrumente sie genau anlegen möchten. Wählen können sie sozusagen aus drei Kategorien. Können Sie bitte kurz erläutern, welche es sind?

Waigel: Zum einen können Produkte gewählt werden, die der Taxonomieverordnung entsprechen, zum anderen solche, die einen Mindestanteil an nachhaltigen Investitionen im Sinne der sozialen und der Governance-Ziele gemäß der EU-Offenlegungsverordnung vorsehen. Diese Ergänzung war notwendig, weil eine Taxonomie bisher nur für den Bereich Ökologie existiert. In die dritte Kategorie fallen Finanzinstrumente, bei denen die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsfaktoren berücksichtigt werden. Das werden meist Produkte nach Artikel 8 und 9 der Offenlegungsverordnung sein. 

Hinter all diesen Finanzinstrumenten verbergen sich komplexe Regelwerke. Müssen Finanz-Profis diese ihren Kunden erläutern, bevor sie etwa bestimmte Fonds empfehlen?

Waigel: Ja, das müssen sie, denn ohne Erklärungen werden die meisten Kunden mit Begriffen wie Taxonomie, EU-Offenlegungsverordnung oder Impact-Fonds kaum etwas anfangen können. Entsprechende Erläuterungen würden zeitlich aber wohl jedes Beratungsgespräch sprengen. Ich glaube, man wird daher nicht darum herumkommen, eine kleine Broschüre herauszubringen oder ein Glossar online zu stellen, um den Kunden zu erläutern, welche Regelwerke und Konzepte hinter den verschiedenen Produkten stecken.

Im Moment sind von den zusätzlichen Pflichten nur Banken und Vermögensverwalter betroffen. Ist anzunehmen, dass die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenz auch in die Finanzanlagenvermittlungsverordnung, kurz: FinVermV, aufgenommen wird?

Waigel: Davon gehe ich fest aus. Ich kenne zwar keine aktuellen Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums, die in diese Richtung gehen. Aber ich denke schon, dass der deutsche Gesetzgeber auch Finanzanlagenvermittler mit Erlaubnis nach Paragraf 34f Gewerbeordnung (GewO) und Honorar-Finanzanlagenberater mit Erlaubnis nach 34h GewO dazu verpflichten wird, Kunden nach ihrer Nachhaltigkeitspräferenz zu fragen. Alles andere wäre ja auch nicht sinnvoll.

Eine Zeit lang hatte die Branche gehofft, dass jede Bank und jeder Vermögensverwalter selbst definieren darf, was unter sozialen, Umwelt- und Governance-Kriterien zu verstehen ist, und diese Begriffe dann mit dem Kunden abstimmt.

Waigel: Diese Hoffnung ist nun zunichte gemacht worden. Die neuen Produkt-Kategorien und Vorschriften sind eng an die Taxonomie und die Offenlegungsverordnung gebunden. Daher wird es nicht möglich sein, den Kunden beispielsweise zu fragen, wie wichtig ihm soziale Gerechtigkeit ist, und ihm dann einen Fonds zu empfehlen, der passend erscheint. Künftig muss ein solches Produkt immer Artikel 2, Nummer 17 der Offenlegungsverordnung entsprechen. Das ist schon eine Bevormundung des Kunden.

Die überarbeitete Verordnung besagt auch, dass Anlageberater und Vermögensverwalter bei der Feststellung von Interessenkonflikten künftig nicht nur die Interessen ihrer Kunden, sondern auch ihre Nachhaltigkeitspräferenzen einbeziehen müssen. Wie ist das zu verstehen?

Waigel: Das ist eine gute Frage, ich denke gemeint ist Folgendes: In das Management von Interessenkonflikten muss jedes Institut künftig auch solche aufnehmen, die sich aus Nachhaltigkeitspräferenzen ergeben. So wird zum Beispiel jede Bank Anlagekunden haben, denen es in erster Linie auf die Rendite ankommt, und andere, für die Nachhaltigkeit wichtiger ist. Hat das Institut zum Beispiel einen Fonds mit Braunkohle-Titeln im Angebot, die gut laufen, ergibt sich ein Interessenkonflikt: Für die Anleger, die vor allem auf Rendite setzen, wäre es wichtig, diesen Fonds zu halten. Für diejenigen, denen es stark auf ESG ankommt, wäre es richtig, ihn zu verkaufen. Das ist ein Interessenkonflikt, der gemanagt werden muss.

Kommen wir noch einmal auf die Kundenanalyse zurück. Im erweiterten WpHG-Bogen müssen in Zukunft "jegliche Nachhaltigkeitspräferenzen" abgefragt werden. Was ist denn unter "jegliche" zu verstehen?

Waigel: Das bedeutet, dass ein Anlageberater oder ein Vermögensverwalter seine Klientel nicht nur auf die ESG-Produkte lenken darf, die sein Institut anbietet. Steht also etwa ein Mikrofinanzfonds zur Verfügung, darf er zwar darauf hinweisen. Der Finanzprofi muss den Kunden aber zusätzlich fragen, ob er außer sozialer Gerechtigkeit noch andere Bereiche als nachhaltig einstuft und diese in seinem Investment berücksichtigt wissen möchte. Die Frage ist nur, wo der Berater da anfangen und wo er aufhören soll. Schließlich gibt es keine Präferenz-Liste, die er abhaken könnte. Dennoch müssen Produkte, die er als geeignet empfiehlt, sämtlichen Nachhaltigkeitspräferenzen des Kunden entsprechen. Das kann in der Praxis nicht funktionieren.

Bisher haben wir über das Neukundengeschäft gesprochen. Was aber gilt für Bestandskunden?

Waigel: Die Finanzaufsicht Bafin verlangt alle zwei bis drei Jahre eine Aktualisierung der WpGH-Bögen. Ich denke, bis die nächste Aktualisierung ansteht, dürfen sich Wertpapierfirmen Zeit lassen. Dann aber müssen die Institute auch bei ihren Bestandskunden deren Nachhaltigkeitspräferenzen abfragen und beurteilen, ob die Finanzprodukte, die sie im Depot haben, diesen Präferenzen tatsächlich entsprechen. 

Vielen Dank für das Gespräch. (am)