Die DIN 77230 "Basis-Finanzanalyse für Privathaushalte" wurde Anfang des Jahres veröffentlicht. Doch noch immer fristet das Regelwerk ein Nischendasein: "Die Norm wird bisher nur von wenigen Personen und Gesellschaften genutzt", berichtet Andreas Adam, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Ajco Solutions, die 50 Manager von Vertrieben, Versicherern, Softwareanbietern und größeren Maklergesellschaften unlängst zu dem Thema befragt hat.

Wie viele Nutzer der Norm, die eine standardisierte Analyse der Finanzsituation von Verbrauchern ermöglicht, gibt es aber genau? FONDS professionell hat sich umgehört, wie Finanzdienstleister zu dem Standard stehen und dabei auch Zahlen zu dessen Nutzung erhoben.


In der Bilderstrecke finden Sie die Namen einiger Unternehmen, die die Norm bereits umgesetzt haben oder es fest planen, sowie von Gesellschaften, die das Regelwerk nicht anwenden.


Dabei zeigte sich schnell: Konkrete Angaben zur Anwendung der DIN-Norm gibt es nicht, klar ist jedoch: Allzu häufig wird sie bislang noch nicht angewandt. Klaus Möller, Vorstand des Norm-Initiators Defino und Obmann des DIN-Arbeitsausschusses, berichtet von knapp 2.000 Vermittlern, die Defino wegen ihrer Kenntnisse des Regelwerks zertifiziert hat. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Berater die Norm auch ohne Zertifikat nutzen können, sodass diese Zahl nicht alle aktiven Anwender der Norm umfasst.

Zwei Softwarehäuser, die Tools für den Standard entwickelt haben, beziffern die Zahl der Anbindungen auf rund 5.000. Doch auch diese entspricht nicht eins zu eins den aktiven Norm-Nutzern. So sind in den Lizenzen Zugänge eingerechnet, die Maklerpools ihren Partnern kostenlos anbieten. Dass sämtliche der genannten Vermittler diese Tools wirklich im Beratungsalltag einsetzen, ist kaum anzunehmen. Außerdem enthalten die Zahlen Sammellizenzen für kleinere Banken und Vertriebe, mit denen mehrere Berater auf die Software zugreifen können. Wie häufig die Anbindungen genutzt werden, können die Anbieter also nicht nachvollziehen.

Unterschiedlicher Nutzungsgrad
Ferner zeigen die Recherchen zur aktuellen Norm-Nutzung, dass es eine unterschiedliche Durchdringung bei Maklern, Banken, Versicherern und Vertrieben gibt. "Viele Personen, die gemäß dem Regelwerk ihre Kunden analysieren, stammen aus dem Lager der Makler. Hier gibt es bereits eine gewisse Akzeptanz", weiß Ajco-Chef Adam zu berichten. Bei größeren Vertrieben scheint der Standard dagegen nicht zu den Top-Prioritäten zu gehören, wie die Umfrage von FONDS professionell unter rund 20 Finanzdienstleistern ergeben hat.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Banken: Abgesehen von der Deutschen Bank, die an der Einführung der Norm arbeitet, möchte sie keine der größeren privaten Banken einsetzen. Aus dem Sparkassenlager ist Branchenkennern ebenfalls kein Institut bekannt, das die Norm nutzt. Nur einige kleinere Genossenschaftsbanken haben sie implementiert. Auch unter den Versicherern gehören hauptsächlich kleinere Häuser zu den Anwendern. Von den größeren hat sich die Allianz gegen die Norm entschieden, andere prüfen den Einsatz noch.

Wie wird es weitergehen? Die berühmnte Glaskugel besitzt keiner. Allerdings berichten IT-Häuser unisono von einem steigenden Interesse an Softwarelösungen für die Norm, sodass die Lage in einem Jahr schon anders aussehen könnte. (jb)


Einen ausführlichen Bericht über die DIN-Norm und ihre Nutzung finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2019 von FONDS professionell ab Seite 300. Angemeldete FONDS professionell KLUB-Mitglieder können den Artikel auch hier im E-Magazin abrufen.