Nachhaltige Geldanlage gewinnt seit einiger Zeit stark an Bedeutung. Asset Manager legen immer weitere ESG-Fonds auf oder widmen Portfolios um, auch Finanzberater spezialisieren sich auf nachhaltige Investments. Marcel Malmendier, Inhaber und Geschäftsführer des Vermögensdienstleisters und Versicherungsmaklers Investmentkontor Rhein-Ruhr, erklärt, warum er zu verantwortungsvoller Geldanlage berät, und wie er das Thema seinen Kunden nahebringt.


Herr Malmendier, Nachhaltigkeit ist in der Geldanlage in jüngster Zeit geradezu zu einem Hype geworden. Seit wann beraten Sie über nachhaltige Investments?
 

Marcel Malmendier: Seit 2007 beschäftige ich mich als Finanzberater praktisch mit nachhaltigem Investieren. Dies ist aus meiner Sicht eine der spannendsten Tätigkeiten, die ich mir vorstellen kann, weil Investments ein sehr wirksamer Hebel der Veränderung sind. Das Thema Nachhaltigkeit interessiert mich schon seit meiner Schulzeit. Schon vor über 30 Jahren haben wir als junge Menschen genau über die Themen gesprochen, über die wir heute diskutieren – etwa über Klimawandel als Folge von fossilen Energieträgern, Umweltverschmutzung und Waldsterben. Inzwischen sind die Themen sehr drängend geworden, denn wir haben in den 40 Jahren, seit die Dimensionen insbesondere der ökologischen Herausforderungen allgemein bekannt sind, nicht ambitioniert gehandelt. Das müssen wir jetzt nachholen.

Beraten Sie ausschließlich über nachhaltige Investments oder auch über konventionelle Geldanlage?

Malmendier: In meiner Investmentberatung geht es ausschließlich um nachhaltige und verantwortungsvolle Geldanlagen. Dabei stellt sich immer die Frage, was wir unter Nachhaltigkeit verstehen. Es gibt ja nicht den einen allgemeingültigen Nachhaltigkeitsbegriff. Manchmal nehme ich das Beispiel von Supermärkten und frage Kunden: "Möchten Sie am liebsten nur in Alnatura investieren oder auch in Edeka, Aldi, Lidl oder Rewe?" Ein nachhaltigkeitsbewegter Anleger entscheidet sich dann oft für das Alnatura-Investment. Die Frage ist aber zugleich, wo der stärkste Hebel der Veränderung liegt. Möglicherweise bewege ich mehr, wenn ich nicht nur in Unternehmen investiere, die ohnehin schon hochprofessionell nachhaltig wirtschaften, oder in Fonds, die nur in Papiere konsequent nachhaltiger Firmen investieren. Ich glaube, dass wir neben der Definition von Nachhaltigkeitskriterien, wo das Knowhow in der Branche schon weit entwickelt ist, manchmal mehr auch auf die Hebel der Veränderung schauen sollten.
 
Werden konventionelle Fonds gewählt, dann muss damit aber ein Engagement verbunden sein, wenn Veränderungen angestoßen werden sollen, oder?
 
Malemendier: Ja, freie Berater sollten genau hinschauen, nicht blind alles glauben, was große Investmentgesellschaften sie glauben machen wollen, sondern überlegen, welche kritischen Fragen zu stellen sind. Wir zum Beispiel betreiben Engagement gegenüber Fonds. Es gibt übrigens kaum eine bessere Weiterbildung für Finanzberater als Engagement, weil man auf diese Art – wenn man intelligente Fragen stellt – in einen tieferen Dialog mit Fondsmanagements kommt. So erfahre ich sehr viel über die Auswahlkriterien und die Strategien des Portfoliomanagements, was allein über Dokumente und Präsentationen nicht möglich ist.
 
Sie haben bereits angesprochen, dass es keinen klaren, allgemeingültigen Nachhaltigkeitsbegriff gibt. Wie definieren Sie Nachhaltigkeit?
 

Malmendier: Ich sehe dafür drei Punkte. Erstens brauchen wir aus meiner Sicht ein philosophisch-theoretisches Fundament. Dafür müssen wir uns immer fragen, wo wir in der Wirtschaft externalisieren und wie wir dies verhindern können …
 
Moment, was meinen Sie mit externalisieren?

Malmendier: Ich meine das Abwälzen von Kosten und Risiken. Dadurch, dass wir Kosten und Risiken in die Natur verlagern, entsteht unser ökologisches Problem. Wenn wir Kosten und Risiken auf nachfolgende Generationen verschieben, handelt es sich um eine zeitliche Externalisierung. Es gibt noch viele weitere Externalisierungen, und wir müssen uns immer fragen, wo sie stattfinden, und wie wir gegensteuern können. Der zweite Punkt ist, dass wir die ESG-Kriterien fassen müssen. Das macht jeder etwas anders, was auch völlig in Ordnung ist. Aber es ist wichtig, dass wir versuchen, nicht nur "Ecology" und "Governance", sondern auch das "S", das "Social" zu definieren. Ansätze einer Green Economy sind schön, aber Veränderung ist ein soziales Phänomen. Wenn ich Veränderungen bewirken will, muss ich mich mit dem "S" beschäftigen. Dieser Punkt wird aus meiner Sicht als Soziologe und ehemaliger Forscher im Bereich von Veränderungsprozessen oft zu wenig beachtet. Der dritte Punkt ist: Mit den 2015 im Pariser Klimaabkommen verankerten SDGs haben wir 17 Ziele – und das sind alles auch Investitionsziele. Also, kurz gesagt: Es ist wichtig, dass man ein theoretisches Fundament hat, aber wenn es praktisch wird, kann man sich sehr gut an den ESG-Kriterien und den SDGs orientieren. Mit diesen Grundlagen können wir in unserer Branche gut arbeiten.


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Künftig haben wir auch noch die Taxonomie, die als Kernstück des EU-Aktionsplans für ein nachhaltiges Finanzwesen ein einheitliches Klassifizierungssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten etablieren soll.
 
Malmendier: Ja, wir können uns glücklich schätzen, dass dieses Thema auf höchster politischer Ebene europaweit aufgegriffen wird. Trotzdem müssen wir im kritischen Diskurs bleiben, damit die Vorgaben nicht durch die großen Akteure im Markt bestimmt werden. Ein anderer Aspekt dabei ist, dass Politik nach meiner Einschätzung oftmals die Wirkung ihrer Regeln und ihrer Anreize und damit ihre Durchgriffsmöglichkeiten auf die Praxis überschätzt. Die Finanzbranche findet im Zweifel immer wieder Wege, um Vorschriften nur pro forma einzuhalten. Daher ist es wichtig, dass auch Finanzberater sich einmischen, weshalb ich mich zum Beispiel im Berater-Netzwerk Ökofinanz-21 engagiere. Zusammen mit dem Verein CRIC, dem Dachverband Forum für nachhaltige Geldanlage und dem österreichischen Verband ÖGUT haben wir 2019 etwa eine Stellungnahme zur Taxonomie verfasst. Wir müssen lebhaft diskutieren, was wir unter Nachhaltigkeit verstehen wollen und wie wir schnell und wirksam eine nachhaltige Transformation der Investmentwelt hinbekommen. Dafür wäre es auch gut, eine produktunabhängige Aus- und Weiterbildung in Sachen Nachhaltigkeit und Taxonomie für alle Akteure im Finanzmarkt verpflichtend zu machen. 
 
Sie haben das erste Haftungsdach in Deutschland gegründet, das sich an freie Berater mit Spezialisierung auf nachhaltige Geldanlage richtet. Was waren die Gründe dafür?
 
Malmendier: Mit sieben Kollegen haben wir das Haftungsdach Qualitates zwischen 2008 und 2010 vorbereitet, 2011 ist es an den Start gegangen. Zusammen mit den Gründern, die auch alle Anteilseigner sind, sind wir heute 15 Berater. Uns ist es wichtig, dass wir unsere Kunden vollumfassend beraten können. Das ist als Finanzanlagenvermittler mit Erlaubnis nach Paragraf 34f nicht möglich. Ein weiterer Grund, ein eigenes Haftungsdach ins Leben zu rufen, war der Wunsch, sich miteinander weiterzuentwickeln und fortlaufend Knowhow auszutauschen. Zum Beispiel führen wir unser Wissen im "Anlagegremium" in monatlichen Videokonferenzen zusammen. Daneben stehen regelmäßige Investmentauswahlprozesse, in denen wir die Qualität von Investments beurteilen. Wir erleben diesen Austausch als enorm wichtig für eine hohe Qualität in der Beratung. Jeder Berater kann nur eine begrenzte Zeit für Research und Kontaktpflege aufbringen. Unser Anspruch ist es, das Research und die Kontakte vieler Berater unter dem Dach der Qualitates zusammenzuführen, sodass jeder von der Zusammenarbeit profitiert. Letztlich kommt dies den Kunden zu Gute.
 
Und wie sieht es auf der Kundenseite aus? Hat das Interesse an nachhaltigen Investments in letzter Zeit tatsächlich stark zugenommen?
 
Malmendier: Nach meiner Wahrnehmung ist dieses Interesse seit Langem unter der Oberfläche da. Als Berater musste man es nur wachrufen und erklären, was Nachhaltigkeit eigentlich ist, und warum sie beim Investieren eine Rolle spielen soll. Heute geht dies oft schneller: Spricht man das Thema an, dann sieht man schnell ein Kopfnicken. Zwar sind die Kunden, die sich aktiv nach nachhaltiger Geldanlage erkundigen, in meiner Praxis noch immer in der Minderheit. Aber wenn die Finanzbranche auf die Leute zugeht und fragt "Worum geht es dir eigentlich beim Investieren?", "Wie soll dein Geld arbeiten?", dann öffnet das nach meiner Erfahrung bei allen Menschen den Blick. Anleger erkennen dann, dass die Werte, die sie für sich als Bürger wichtig finden, sich auch in ihrer Geldanlage widerspiegeln können. Nach meiner Überzeugung tragen wir als freie Finanzberater eine hohe soziale Verantwortung, genau diese Möglichkeiten aufzuzeigen.
 
Vielen Dank für das Gespräch. (am)