Roswitha Grigoleit ist seit 53 Jahren in der Finanzbranche tätig. Nach einer erfolgreichen Laufbahn als angestellte Vermögensberaterin bei verschiedenen Banken, darunter auch in leitender Funktion, machte sie sich im Jahr 2004 selbstständig und gründete das Beratungshaus Conmedio Finanzplanungs & Vermögensmanagement GmbH im niedersächsischen Oldenburg mit. Zum Jahresende wird die Beraterin in den Ruhestand gehen. 


Frau Grigoleit, Sie verabschieden sich nach 53 Jahren in der Vermögensberatung zum Jahresende in den Ruhestand. Was hat Sie 1969 dazu bewogen, den Beruf der Bankkauffrau zu ergreifen?

Roswitha Grigoleit: Mein Interesse an Zahlen, Wirtschaft und Politik ist entstanden, weil bei uns zu Hause die ganze Familie jeden Abend gemeinsam die "Tagesschau" gesehen hat. Da saßen dann vier Generationen vor dem Fernseher, und keiner durfte auch nur einen Mucks von sich geben. So habe ich schon früh viele Dinge erfahren, von denen ich so manche natürlich nicht verstanden habe. Darüber habe ich mich dann oft mit meiner Oma ausgetauscht …

Mit der Großmutter?

Grigoleit: Ja, sie hatte als Älteste von sieben Geschwistern – und als Mädchen – eine kaufmännische Ausbildung absolviert und war an Wirtschaft und Politik sehr interessiert. Für mich stand im Alter von zwölf Jahren fest, dass ich in die Finanzbranche gehen möchte. Mit 17 Jahren habe ich den Plan dann umgesetzt und eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht.

Sie haben schon in jungen Jahren die Wertpapier- und Vermögensberatung bei der damaligen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) in Bremen geleitet. Wie war das als Chefin in einer damals noch absolut männerdominierten Branche?

Grigoleit: Die Finanzbranche wird bis heute von Männern dominiert, aber damals war es noch viel extremer. Ich habe in meinem ganzen Berufsleben als Bankerin kein einziges Seminar besucht, in dem außer mir noch eine Frau gesessen hätte. Als junge Anlageberaterin haben mich gerade ältere männliche Kunden nicht als vollwertig akzeptiert. Als Frau musste ich immer mehr leisten und mich viel stärker beweisen als meine männlichen Kollegen.

Wie sind denn Ihre männlichen Mitarbeiter mit einer Vorgesetzten zurechtgekommen?

Grigoleit: Das war sehr unterschiedlich, von nett über arrogant bis ignorant. In einem Fall hat ein männlicher Mitarbeiter mich und weitestgehend auch seine Aufgaben ignoriert. Das war eine unangenehme Zeit für mich. Dieser Mitarbeiter wurde dann in Abstimmung mit der Geschäftsleitung entlassen. Damit ich im Ruhestand in Schwung bleibe und weil ich mir ein Leben ohne Hunde nicht vorstellen kann, ist vor einigen Monaten ein Airedale-Welpe bei mir eingezogen. Nicht umsonst habe ich mir einen Terrier ausgesucht. Ich selbst habe auch durchaus Terrier-Qualitäten. Ich lasse mich nicht so leicht unterkriegen, anders hätte das in meinem Job auch überhaupt nicht funktioniert.

53 Jahre in der Finanzberatung sind eine lange Zeit. Wenn Sie es auf einen Punkt bringen sollten: Was ist der deutlichste Unterschied zwischen dem Beginn Ihrer Tätigkeit und der Arbeit im Jahr 2022?

Grigoleit: Das ist ganz klar die unsinnige, aufgeblähte Bürokratie. Die übertriebene Regulierung stellt gerade in der Betreuung älterer Kunden eine echte Geschäftsverhinderung dar. Sie kommen gar nicht mehr mit und fragen mich, warum sie immer neue ­Erklärungen und Belehrungen unterschreiben sollen, obwohl ich sie doch seit 35 Jahren kenne. Oder nehmen wir die Aufzeichnungen telefonischer Beratungsgespräche im Wertpapierbereich, die zehn Jahre gespeichert werden müssen. Das wollen viele Kunden nicht. Das kann ich auch gut nachvollziehen.

Sie sagen, Sie kennen Ihre Kunden zum Teil seit 35 Jahren. Wie gelingt es, so stabile Kundenbeziehungen aufzubauen?

Grigoleit: Ich glaube, man muss Menschen mögen und sich für sie interessieren. Bei mir ist das so. Es interessiert mich wirklich, was meine Kunden machen, wie es ihnen und ihren Familien geht. Das gebe ich nicht bloß vor, und die Kunden spüren es. Aus echtem ­Interesse entsteht Vertrauen. Und wenn Vertrauen da ist, wird man weiterempfohlen. So einfach ist das.

Vielen Dank für das Gespräch. (am)


Das vollständige Interview mit Roswitha Grigoleit finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 3/2022 von FONDS professionell ab Seite 310. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.