Schlanke Mädchen, die sich dick fühlen und daher hungern; junge Männer, die täglich Stunden im Fitnessstudio verbringen, weil sie ihre beachtlichen Muskeln als viel zu klein empfinden – die körperdysmorphe Störung kennt mehrere Ausprägungen. Eines aber haben Patienten, die an dieser psychischen Erkrankung leiden, gemeinsam: Ihre Wahrnehmung des eigenen Körpers ist gestört.

Gewisse Parallelen lassen sich zu einem Phänomen ziehen, über das seit einigen Jahren insbesondere in den USA diskutiert wird: Einige Menschen nehmen ihre finanzielle Situation offensichtlich völlig verzerrt wahr. Obwohl sie in gesicherten Verhältnissen leben, fühlen sie sich enorm verunsichert. Nie haben sie das Gefühl, genug Geld zurückgelegt zu haben, um sorgenfrei in die Zukunft blicken zu können oder sich auch mal etwas zu gönnen. Den Betroffenen fehle ein Bezugspunkt für das, was normal sei, sagt der New Yorker Psychiater Lanre Dokun. "Es handelt sich um ein unklares Selbstbild, ähnlich wie bei der Körperdysmorphie", zitiert ihn "Bankrate.com", ein US-Informationsportal für Geldthemen. Daher bot es sich an, dem Phänomen einen passenden Namen zu geben: Money Dysmorphia.

Unbegründete Existenzängste
"Das ist ein Kunstbegriff", betont Monika Müller, Gründerin von FCM Finanz Coaching in Wiesbaden. "Anders als bei der körperdysmorphen Störung handelt es sich nicht um eine anerkannte Krankheit. Im Extremfall kann Money Dysmorphia aber durchaus eine krankhafte Ausprägung annehmen", so die Diplom-Psychologin.

Einen gewissen Grad an Gelddysmorphie erleben viele Menschen. "Ein klassisches Beispiel ist ein Topmanager, der seine Stelle verliert", meint Müller. "In einer solcher Situation kommen gar nicht so selten Existenzängste auf – obwohl das Haus abbezahlt ist und viel Geld auf Konten und im Wertpapierdepot liegt." Kurzfristig wirkt eine solche Reaktion verständlich. Problematisch wird es aber, wenn sich das Gefühl der Armut verhärtet. "Es können Muster entstehen, aus denen die Betroffenen allein nicht mehr ausbrechen können", sagt Müller. "Daraus kann sich sogar eine Depression entwickeln."

Knausrige Millionäre
Prinzipiell steht es natürlich jedem frei, so sparsam zu leben, dass ein Außenstehender ihn als knausrig ansehen würde. Solange ein Geizhals aus freien Stücken jeden Cent beisammenhält, leidet er ja nicht unter seinem Verhalten. "Schwierig wird es, wenn jemand wegen der verzerrten Wahrnehmung der eigenen finanziellen Situation für sich selbst schlechte Entscheidungen trifft", so Müller.

Der eben erwähnte Topmanager mit Money Dysmorphia nimmt nach der Kündigung womöglich den erstbesten Job an, statt sich in Ruhe nach einer anderen Stelle umzusehen, die ihn wirklich ausfüllen würde. "Es gibt Millionäre, die sich selbst den kleinsten Luxus versagen", weiß die Psychologin. "Und das nicht freiwillig, sondern aus einem inneren Zwang heraus. Glücklich sind sie damit nicht." Im Ergebnis verkleinern die Betroffenen ihren Handlungsspielraum enorm, was zu großer Verunsicherung führt.

Finanzplanung hilft nur bedingt
Auf den ersten Blick sollte dem Phänomen mit einer soliden Finanzplanung beizukommen sein. Wer schwarz auf weiß sieht, dass das Ersparte selbst bei hoher Inflation noch bis zum 130. Lebensjahr reichen würde, legt seine Angst wohl ab, oder?

"So einfach ist das nicht", meint Müller. "Wie jemand die Zahlen aus einer Finanzplanung interpretiert, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch deutlich." Hinzu kommt, dass es sich immer um eine Wahrscheinlichkeitsbetrachtung handelt. "Der Berater mag argumentieren, dass das vorhandene Vermögen in 99,9 Prozent der Szenarien für einen sorgenfreien Ruhestand reicht. Der Betroffene dagegen sieht nur das kleine Restrisiko, dass eben doch etwas schiefläuft."

Tückische Vergleiche
Die Psychologin sieht im Wesentlichen zwei Ursachen für Money Dysmorphia. Das eine sind Prägungen aus der Kindheit. "Wer unter prekären Umständen aufgewachsen ist, wird die Angst, dass immer zu wenig Geld da ist, ohne externe Hilfe womöglich auch als Topverdiener nicht los", sagt sie. Das andere sind Vergleiche. Müller: "Der Millionär vergleicht sich nicht mit anderen Millionären, sondern schaut zum Milliardär auf."

Eine wesentlich alltäglichere – und mit Blick auf die Zahl der Betroffenen geradezu potenzierte – Rolle spielen Vergleiche auf Social Media. Dort transportieren nicht nur magersüchtige Influencerinnen und gedopte Fitness-Gurus ein ungesundes Körperbild, sondern unseriöse Pseudo-Trader auch den Traum vom schnellen Reichtum. Ein Kind der "Generation Golf", das auf dem Dorf aufwuchs, blickte vielleicht voll Neid auf die Tochter des Sparkassen-Direktors, die ihre Ferien auf dem Ponyhof verbringen durfte. Heute gaukeln einem perfekt inszenierte Kurzfilmchen auf Instagram vor, dass Ferrari, Yachturlaub und Sterne-Menüs wie selbstverständlich zu einem guten Leben gehören. Kein Wunder, dass offensichtlich besonders junge Leute von Gelddysmorphie betroffen sind.

Innere Haltung hinterfragen
Einer US-Umfrage zufolge leiden deutlich mehr Millennials und Angehörige der Generation Z unter Money Dysmorphia als in der breiten Bevölkerung. Obwohl diese Erhebung keinen wissenschaftlichen Standards entspricht, hält Müller das Ergebnis für plausibel. "Vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich allein zu Hause durch Social-Media-Feeds scrollen, fehlt ein ehrlicher Austausch darüber, was eigentlich normal ist – mit Blick auf den eigenen Körper, aber auch auf den Umgang mit Geld."

Gut möglich also, dass Finanzberater in Zukunft häufiger mit Kunden zu tun haben, die ihre eigene finanzielle Situation völlig verzerrt wahrnehmen. Wie lässt sich damit umgehen? "Wenn der Berater bei seinen Kunden mit rationalen Argumenten nicht weiterkommt, kann in vielen Fällen ein Finanzcoaching helfen", sagt Müller. "Ein versierter Coach kann dem Betroffenen helfen, seine innere Haltung zu hinterfragen und Schritt für Schritt zu ändern – mit dem Ziel, künftig bessere Finanzentscheidungen zu treffen." Eine "Heilung" im klassischen Sinn ist das nicht, eine Befreiung aber schon. (bm)