Es ist gar nicht so einfach, das Büro von Vaamo zu finden. Ein Hinterhof im Frankfurter Gallusviertel, ein Lastenaufzug zuckelt ins zweite Obergeschoss. Ob angekommen, herrscht gleich Start-up-Atmosphäre: In der Küchenecke dient eine massive Holzplatte auf leeren Getränkekisten als Tisch; Thomas Bloch, einer der Gründer, trägt Norwegerpulli. Anzug hat er lange genug getragen, er arbeitete mehr als acht Jahre als Investmentbanker bei J.P. Morgan. Seinen Kollegen Oliver Vins, der für McKinsey Unternehmen aus dem Finanzsektor beriet, kennt er schon aus Studientagen an der Frankfurter Goethe-Universität, an der beide auch promovierten.

Die Vaamo Finanz AG, ihr vor knapp zwei Jahren gegründetes Unternehmen, gehört in die Riege der Fintechs, die das Thema Geldanlage ins Internet holen – ähnlich wie die Quirin Bank mit Quirion oder Ebase und Financescout24 mit ihrem Managed Depot. Noch stellen solche Angebote keine ernsthafte Konkurrenz für Banken oder Finanzberater da. Doch das kann sich ändern, schließlich wächst die Generation, die heute schon alles online erledigt, langsam in die Zielgruppe der Anlageberater hinein. Kein Wunder, dass Banken und Fondsanbieter inzwischen begonnen haben, aufgeregt über den Digitalisierungs-Trend zu diskutieren. Im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE erläutern die Vaamo-Gründer, warum sie den Banken bei diesem Thema eher wenig zutrauen, wie ihr Unternehmen aufgestellt ist – und warum sie bei der Werbung nicht nur auf das Internet setzen werden.


Vaamo will Privatanlegern einen einfachen Einstieg in die Geldanlage bieten. Mit wenigen Klicks gelangen Ihre Kunden von einem Sparziel zu einem Musterportfolio, das sich in monatlichen Raten besparen lässt. Wie kamen Sie auf Idee, mit Vaamo wieder von Null anzufangen? Schließlich blicken Sie beide auf durchaus erfolgreiche Karrieren in der Unternehmensberatung und im Investmentbanking zurück?
 

Oliver Vins: Die Idee, unternehmerisch tätig zu werden, hat uns schon seit unseren gemeinsamen Tagen im Studium gereizt, aber das ist nur ein Aspekt. Ich habe bei McKinsey viele Jahre lang Banken beraten und deren Innensicht kennengelernt. Die Welt um sie herum ändert sich seit Jahren rasant – die Menschen sind es inzwischen gewohnt, alles per Mausklick zu regeln. Doch die Banken, insbesondere die großen Institute, tun sich damit unheimlich schwer. Die schleppen einen riesigen Apparat mit sich rum, das Filialgeschäft steht nach wie vor an erster Stelle, die ganze Denke passt überhaupt nicht mit der Online-Welt zusammen. Das alles eröffnet eine riesige Chance. Wir haben ein quasi unbestelltes Feld vor uns, das wir beackern können.
 
Thomas Bloch: Das war eher die strategische Sicht. Dazu kommt eine ganz handfeste Beobachtung: Ich selbst habe viele Jahre in der Investmentbank gearbeitet und kenne mich schon deshalb gut an den Finanzmärkten aus. Dennoch fehlten mir schlicht die Lust und die Zeit, mich selbst um meine Geldanlage zu kümmern. Oft genug blieb etwa der Bonus monatelang quasi unverzinst auf dem Konto liegen, statt dass ich das Geld investiert hätte. Vielen Freunden und Bekannten ging es ähnlich. Ich dachte mir, es müsste doch ein Konzept geben, bei dem man sein Geld bequem per Mausklick in ein durchdachtes Portfolio ein- und auszahlen kann. Das fehlte bislang.
 
Trotzdem bedeutet es viel Arbeit, das alles von Null aufzubauen. War es nicht möglich, ein solches Konzept bei einer etablierten Bank aufzuhängen, die die nötige Infrastruktur schon hat?

 
Vins: Nein. Wir haben mit vielen Banken gesprochen und sind meist schnell abgeblitzt. Die Manager konnten sich schlicht nicht vorstellen, dass auch Geldanlage online funktionieren kann. Bei den großen Instituten hätte es darüber hinaus Monate gedauert, bis wir überhaupt einen Gesprächstermin bekommen hätten. Sie müssen bedenken, dass wir Anfang 2013 gestartet sind. Damals war das Thema Fintech zwar in den USA schon in vollem Gange, in Deutschland aber noch nicht wirklich angekommen. Das hat sich im vergangenen Jahr geändert, inzwischen denken auch die großen Banken über dieses Thema nach. Aber wie gesagt: Sie denken darüber nach. Bis ein Konzept wie Vaamo durch alle Gremien kommt und dann endlich angegangen wird, vergehen in einer Großbank sicherlich ein bis zwei Jahre.
 
Bietet Vaamo denn eine "echte Vermögensverwaltung"? Sind Sie also ein Bafin-lizensiertes Finanzinstitut mit Erlaubnis zur Finanzportfolioverwaltung?

 
Bloch:
Nein, wir arbeiten mit einer Zulassung nach Paragraf 34f der Gewerbeordnung. Wir vermitteln Modellportfolios aus passiv gemanagten Investmentfonds, die der Kunde selbst in seinem Depot bei unserer Partnerbank FFB verwaltet.

Dann müssen Sie also für jede Umschichtung im Kundenportfolio ein Beratungsprotokoll anfertigen?
 
Bloch: Wir bieten keine Anlageberatung an, sondern nur eine Anlagevermittlung. Das kommunizieren wir sehr deutlich, und unseren Kunden ist auch klar, dass sie von uns keine Anlageberatung erwarten dürfen. Wir bieten drei Modellportfolios für verschiedene Risikoklassen an, die Aktienquote liegt zwischen 40 und 80 Prozent. Zum Einsatz kommen nur Fonds von Dimensional Fund Advisors, die sehr günstig extrem breit investieren. Für welche Risikoklasse sich der Kunde entscheidet, bleibt alleine ihm überlassen. Er beauftragt außerdem die Depotbank damit, das Modellportfolio einmal im Jahr auf die Ausgangsgewichtung zurückzusetzen. Mit den Umschichtungen haben wir also nichts zu tun.
 
Gibt es dann überhaupt eine Vertragsbeziehung zwischen Ihnen und dem Kunden? Oder hat der Anleger nur einen Vertrag mit der FFB?
 
Bloch: Er hat zwei Verträge. Mit uns schließt er einen Servicevertrag ab. Wir berechnen eine jährliche Gebühr, die je nach Anlagevolumen 0,49 bis 1,19 Prozent des betreuten Vermögens ausmacht. Diese Gebühr enthält alle Kosten, also auch die für die Depotführung bei der FFB, das jährliche Rebalancing und unbegrenzt viele Transaktionen. Hinzu kommen noch die Gebühren der Fonds von Dimensional Fund Advisors, die im Schnitt bei 0,4 Prozent im Jahr liegen. Der größte Kostenblock auf unserer Seite ist das Tool, mit dem unsere Kunden jeden Tag überprüfen können, ob sie ihr Sparziel voraussichtlich erreichen werden oder nicht. Für die Website beschäftigen wir acht Softwareentwickler.
 
Was steckt hinter dem Tool?
 
Vins: Der Kunde gibt ein Sparziel an, etwa den Kauf eines Eigenheims, die Ausbildung der Kinder oder die private Altersvorsorge. Dazu ein Datum, an dem dieses Ziel erreicht sein soll, und die persönliche Risikoneigung. Unser Tool zeigt ihm zunächst, wie viel er monatlich sparen muss, um sein Ziel zu erreichen. Danach kann er jeden Tag kontrollieren, ob er – je nach Entwicklung seines Portfolios – noch im grünen Bereich liegt.
 
Welche Renditeprognosen liegen hinter der erwarteten Kapitalmarktentwicklung?
 
Vins: Für den Aktienanteil rechnen wir mit den Tagesrenditen der vergangenen zehn Jahre, für das Anleihenportfolio nur mit den Returns des vergangenen Jahres. Auf der Rentenseite legen wir absichtlich diesen kurzen Zeitraum zugrunde, denn wer die Rentenrally der letzten Jahrzehnte in die Zukunft fortschreibt, lügt sich in die Tasche. Diese Annahmen fließen in eine sogenannte Monte-Carlo-Simulation ein, mit der wir dann einen realistischen Performance-Korridor zeichnen. Von diesem ganzen Aufwand bekommt der Kunde allerdings gar nichts mit. Er sieht einfach nur, ob er mit der gewählten Monatsrate sein Sparziel erreichen kann. Dieses Ziel vor Augen – verbunden mit der täglich möglichen Kontrolle – motiviert, das Geld tatsächlich zur Seite zu legen und das Sparen nicht auf die lange Bank zu schieben. Dazu kommt, dass wir die Abwicklung so einfach wie möglich machen: Unsere Kunden können, sobald sie einloggt sind, per Mausklick auch mal kleine Beträge wie 50 oder 100 Euro zuzahlen. Der Rest geschieht bequem per Bankeinzug.

Bevor online alles ganz bequem geht, muss der Kunde zur Depoteröffnung aber einmal zur Post, um sich per Postident-Verfahren legitimieren zu lassen, oder?
 
Vins: Wir führen in den nächsten Tagen das Video-Ident-Verfahren ein, dann geht auch dieser Schritt online. Den Antrag zur Depoteröffnung bei der FFB muss der Kunde allerdings ausdrucken und unterschrieben zurückschicken. Diesen einen Medienbruch gibt es noch. Aber wir hoffen, auch hier eine bequemere Lösung zu finden.
 
Ob die Kunden auch in schwierigen Börsenphasen treu bleiben, wird sich zeigen, wenn der Dax das nächste Mal in Knie geht, oder?
 

Vins: Klar, der wirkliche Härtetest steht uns noch bevor. Im Oktober, als der Dax binnen wenigen Tagen um acht Prozent eingebrochen ist, haben unsere Kunden überhaupt nicht reagiert. Das lässt uns hoffen, dass unsere Grundidee tatsächlich aufgeht, die Anleger also tatsächlich investiert bleiben und nicht versuchen, an der Börse günstige Ein- und Ausstiegszeitpunkte zu finden. Wie viel Rendite sie durch ein solches Verhalten verschenken, zeigen unter anderem Studien von Andreas Hackethal, der an der Goethe-Universität in Frankfurt lehrt. Er ist Mitgründer unseres Unternehmens und Aufsichtsratsvorsitzender.
 
Was tun Sie, wenn doch mal besorgte Kunden wissen wollen, was sie mit ihrem Depot tun sollen?

 
Bloch: Wenn unser Customer Service Anfragen bekommt, geht es in den allermeisten Fällen um technische Dinge oder Fragen, wie sie zum Beispiel den Freistellungsauftrag für ihr Depot ausfüllen sollen. Sollte doch mal ein Kunde fragen, ob er in der aktuellen Marktphase sein Portfolio umschichten soll, müssen wir ihm sagen, dass wir ihm dabei nicht helfen können. Auf unserem Blog können wir allerdings allgemeine Empfehlungen geben, etwa den Rat, dass es sich lohnt, auch in schwierigen Börsenphasen investiert zu bleiben. Bei der nächsten deutlichen Korrektur am Aktienmarkt werden wir das auch tun.
 
Wie viele Kunden hat Vaamo denn schon? Und welches Volumen ist investiert?
 
Bloch: Wir betreuen rund 500 Kunden, die in Summe einen einstelligen Millionenbetrag investiert haben. Das klingt nach wenig, allerdings muss man bedenken, dass wir die Plattform erst im Oktober für alle Anleger geöffnet haben. Vorher war nur ein Zugang auf Einladung möglich. Außerdem haben wir noch gar nicht mit dem Marketing begonnen. Die Kunden, die zu uns kamen, wurden in aller Regel durch Presseartikel auf uns aufmerksam.
 
Vins: Ein weiterer Grund für das noch geringe Volumen ist, dass fast alle unsere Kunden mit Sparplänen arbeiten, sich das Vermögen also erst mit der Zeit aufbaut. Wir wollen mit unseren Kunden wachsen. Diejenigen, die heute 25 oder 30 Jahre alt sind, haben noch nicht viel Geld. In zehn Jahren wird sich das geändert haben – auch wenn das für ein Startup nach einer unvorstellbar langen Zeit klingt (lacht).
 
Sie hatten bereits erwähnt, dass acht Software-Entwickler für Vaamo arbeiten. Wie groß ist das Team insgesamt?
 
Bloch: Wir wachsen weiter, Anfang April werden wir 24 Mitarbeiter haben, darunter vier Kollegen für das Marketing.
 
Geht es da in erster Linie um Online-Werbung und Suchmaschinenoptimierung?
 

Vins: Ohne das geht es nicht. Wir wollen uns aber nicht auf das Internet beschränken, denn damit lässt sich die nötige Aufmerksamkeit kaum erzeugen. Im März starten wir deshalb eine Kampagne in der Rhein-Main-Region, die online und offline verbinden wird. Dass klassische Werbung mit Plakaten oder in der U-Bahn funktioniert, zeigt das Beispiel des britischen Unternehmens Nutmeg, das wie wir Geldanlage per Internet anbietet. Wer durch London geht, sieht überall Nutmeg-Werbung. Das kostet sehr viel Geld, sorgt aber dafür, dass die Marke schnell bekannt wird. Wir probieren das erst einmal in der Rhein-Main-Region aus, bevor wir eine deutschlandweite Kampagne fahren – die gibt unser Startup-Budget nicht her.
 
Wer – abgesehen von den Gründern – hat denn noch Geld in Vaamo gesteckt?
 
Bloch:
Im September haben wir unsere zweite Finanzierungsrunde abgeschlossen, bei der wir 2,5 Millionen Euro einsammeln konnten. Seither gehört Route 66 Ventures zu unseren Investoren, ein auf Fintechs spezialisierter Risikokapitalgeber aus den USA. Zu den Geldgebern gehören außerdem mehrere Business Angels.
 
Macht Route 66 Ventures klare Ansagen, wann das Unternehmen Profit abwerfen soll?
 
Vins: In unserem Business Plan haben wir uns vorgenommen, in zwei oder drei Jahren die schwarze Null zu erreichen. Doch das erwarten die Amerikaner überhaupt nicht, die wollen in erster Linie Wachstum sehen.
 
Bloch: Die Kosten der Neukundengewinnung sind in der Finanzindustrie generell relativ hoch. In den ersten Jahren muss das Wachstum im Vordergrund stehen, was entsprechend Geld kostet. Sobald man die Neukundengewinnung aber zurückfährt, sinken die Kosten, und dann wird ein Geschäftsmodell wie unseres schnell profitabel. (bm)