Eine alte, in der Vergangenheit empirisch oft belegte Weisheit besagt, dass politische Börsen "kurze Beine" haben, die Finanzmärkte also eher kurzfristig stark beeinflussen, nicht aber langfristig. Doch gilt dies auch heute noch angesichts einer Kette geopolitischer und geoökonomischer Ereignisse? Diese Frage stellte die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) ihren 1.500 Mitgliedern in der monatlichen Umfrage. 

Die Antworten, welche der Verband in einer Mitteilung veröffentlicht, sind überraschend: Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer (55%) hält die sprichwörtliche Regel zwar weiterhin für wirksam. Doch jeder Dritte (34%) zweifelt inzwischen an deren allgemeiner Gültigkeit, und jeder Zehnte (11%) sieht sie sogar völlig außer Kraft gesetzt. Diese Teilnehmer wiesen in ihren Kommentaren darauf hin, dass je nach Art des Impulses geopolitische Entwicklungen und deren Spillover-Effekte die Finanzmärkte durchaus langfristig beeinflussen können.

Größtes Problem: Donald Trump
Aktuell sehen die Umfrageteilnehmer drei mögliche Ursachen politischer Risiken. 59 Prozent sehen die Politik von US-Präsident Donald Trump als großes Problem, 21 Prozent Russland und den Krieg in der Ukraine und 20 Prozent die Wirtschafts- und Außenpolitik Chinas.

"Wir leben in einer Ära, in der politische Ereignisse zunehmend real- und finanzwirtschaftliche Schocks auslösen. Mess- und modellierbare Risiken mutieren zu fundamentaler Unsicherheit, wie es Frank Knight schon 1921 bei der Begriffsdifferenzierung von Risiko und Unsicherheit beschrieben hat", kommentiert Ingo Mainert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DVFA, die jüngste Monatsfrage.

Politische Analysen werden wichtiger
Wenn politische Ereignisse immer stärker auf Volkswirtschaft und Börsen ausstrahlen, stellt sich der DVFA zufolge weiter die Frage, inwieweit der professionelle Research- und Investmentprozess dieser Entwicklung Rechnung trägt. Immerhin fast die Hälfte (48%) der Umfrageteilnehmer konzentriert sich weiterhin vorwiegend auf die Finanzanalyse. Dafür spricht, dass politische Rahmenbedingungen grundsätzlich alle Wirtschaftsprozesse beeinflussen und somit in Investmententscheidungen eingehen.

Doch ein Drittel (34%) gibt der politischen Analyse jetzt bewusst ein größeres Gewicht. Fast jeder Fünfte (18%) wollte sich dagegen nicht festlegen, ob sich Research- und Investmentprozesse durch die politischen Ereignisse der vergangenen Jahre verändert haben. (fp)