Hätten Sie’s gewusst? Die kleinste Sparkasse Deutschlands sitzt im nordhessischen Borken im Schwalm-Eder-Kreis, rund 152 Kilometer von Frankfurt am Main entfernt und gut 42 Kilometer südlich von Kassel. Das Gebäude am Europaplatz 1 mit Erdgeschoss und zwei Etagen lässt Zweifel aufkommen: Hier soll die kleinste deutsche Sparkasse logieren? Christoph Ernst, Vorstandsvorsitzender der Stadtsparkasse Borken und für Steuerung und Überwachung zuständig, bestätigt: "Wir sind es in der Tat  – und darauf sind wir auch stolz", sagt er. 

"Herzlich willkommen in Borken!" Vertriebsvorstand Mario Jahn hat sich an die Seite seines Kollegen gesellt und bietet eine Führung an. Auch die rund 30 modern eingerichteten Büros der beiden oberen Etagen lassen nicht darauf schließen, dass diese Sparkasse die kleinste Deutschlands sein soll. Doch mit einer Bilanzsumme von gut 204 Millionen Euro landet die Stadtsparkasse Borken tatsächlich auf dem letzten Platz im aktuellen Größen-Ranking des Sparkassenverbandes DSGV. Rund 8.800 Privat- und zirka 500 Firmenkunden betreut sie, 33 Mitarbeiter und drei Auszubildende beschäftigt das Institut.

Drei weitere Institute im direktem Umfeld
Von den etwa 13.000 Einwohnern, die Borken zählt, haben mehr als 72 Prozent ein Konto am Europaplatz 1. Und das, obwohl es in Borken noch eine Raiffeisenbank und im direkten Umfeld zwei weitere Sparkassen gibt. Die Kreissparkasse Schwalm-Eder ist mit einer Bilanzsumme von rund 2,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2020 mehr als 13 Mal so groß wie die Stadtsparkasse Borken. Die Stadtsparkasse Schwalmstadt ist nur wenig größer als das Borkener Institut.

"Natürlich werden Preise immer vergleichbarer, und als kleines Institut sind wir vielleicht zum Teil etwas teurer als Mitbewerber", gibt Ernst zu. "Aber was uns zugutekommt, sind die gewachsenen Beziehungen zu unseren Kunden und der persönliche Kontakt." Doch das allein hilft nicht weiter. Eine neue, junge Klientel muss nachwachsen. 

Pro Jahr mindestens ein Auszubildender
"Das Neukundengeschäft ist in der Tat nicht ganz so einfach", berichtet Vertriebsvorstand Jahn. "Aber auf dem Land ist es immer noch so, dass die Kinder ihr Konto dort eröffnen, wo auch die Eltern ihres haben", sagt er. Zudem ist es das Ziel, jedes Jahr mindestens einen Auszubildenden einzustellen. "Dadurch haben wir auch junge Mitarbeiter, die in Borken gut vernetzt sind, Bekannte und Freunde als Kunden gewinnen", erklärt Jahn. 

Und wie stemmt der Sparkassen-Zwerg sein Geschäft in Zeiten von Negativzinsen und unter dem Regime der EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid II? Bisher berechnet das Institut seinen Kunden noch keine "Strafzinsen" auf Spareinlagen. "Wir wollen das nicht, denn es entspricht nicht dem genetischen Code einer Sparkasse", erklärt Ernst. "Aber betriebswirtschaftlich betrachtet ist es völliger Nonsens, was wir hier machen", räumt er ein

Leben mit Mifid II
Angesichts des niedrigen Zinsniveaus spielt das Wertpapiergeschäft für die Stadtsparkasse Borken eine zunehmend wichtige Rolle. "Seit Inkrafttreten von Mifid II ist es viel schwieriger geworden", findet Jahn. Dass sein Institut seitdem an Provisionen nichts mehr verdienen darf, ist für ihn widersinnig. Die telefonische Wertpapierberatung hat die Sparkasse Borken vollständig eingestellt. Eine Telefonanlage, mit der sich die Gespräche nach allen Regeln von Mifid II aufzeichnen lassen, wäre zu kostspielig gewesen. "Aber wir sind ja vor Ort, hatten auch zu Corona-Zeiten regulär geöffnet, unsere Kunden können immer schnell mal vorbeikommen", erklärt Ernst.

Mifid II ist nicht das einzige Regelwerk, das Verschärfungen mit sich gebracht hat. "Als wir die letzte Geldwäscheprüfung hatten, hat uns die Bafin mit sechs Prüfern ‚besucht‘", erzählt Ernst beim Mittagessen. "Zwei Tage lang waren unsere Geldwäschebeauftragten in Interviews eingebunden", berichtet er. Die kleinste Sparkasse Deutschlands wird eben genauso geprüft wie die größte in Hamburg – und muss ebenso alle regulatorischen Auflagen erfüllen. 

Keine Fusion
Liegt es nicht allein schon deshalb nahe, dass die drei Sparkassen im Schwalm-Eder-Kreis fusionieren und ein größeres Institut bilden? Kosten ließen sich so allemal drücken. "Ja, dieses Thema wird öfter an uns herangetragen", sagt Ernst. "Aber wir möchten unsere kleine Sparkasse solange eigenständig halten, wie es nur geht", erklärt der Vorstand. "Und dafür kämpfen wir alle jeden Tag um jeden Kunden." (am)


Die vollständige Reportage über die kleinste Sparkasse Deutschlands finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 3/2021 von FONDS professionell ab Seite 372. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.