Der Zugang zum Kapitalmarkt ist für Privatanleger dank Direktbanken und Neobrokern heute so einfach wie nie zuvor. Doch demokratisiert wurde zunächst vor allem der Zugang zu den Börsen, nicht automatisch auch das Finanzwissen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Die Analyse stützt sich auf eine Umfrage unter 1.000 deutschen Sparern.

Ein zentrales Ergebnis der Befragung lässt aufhorchen: "Ein erheblicher Teil der Befragten verfügt nicht über ein belastbares Verständnis grundlegender Finanzkonzepte", halten die Studienautoren fest. Nur rund die Hälfte der Befragten könne einfache Wissensfragen zu Inflation, Diversifikation und Zinseszins korrekt beantworten. Dies offenbare ein Spannungsfeld. "Der Zugang zu Kapitalmärkten ist einfacher geworden, die Fähigkeit zur fundierten Einordnung dieser Möglichkeiten jedoch keineswegs flächendeckend mitgewachsen", folgern die Roland-Berger-Experten.

Informelle Quellen
Für Retail-Banken sei diese Diskrepanz besonders relevant. "Denn sie erschwert eine zielgerichtete Ansprache, wenn Kunden oberflächlich ähnlich erscheinen, sich aber in Informationsstand, Entscheidungsfähigkeit und Betreuungsbedarf stark unterscheiden", erläutern die Autoren. Die Banken müssten bei der Beratung also nicht primär auf das Alter oder das Vermögen der Kundschaft schauen, sondern "stärker auf Wissensstand, Verhalten und Präferenzen" abstellen, so die Branchenkenner.

Eine weitere Erkenntnis der Umfrage: "Besonders Haushalte mit geringerem Nettoeinkommen greifen überwiegend auf informelle Quellen wie Familie und Freundeskreis zurück oder informieren sich gar nicht", berichten die Autoren. "Im Gegensatz dazu nutzen einkommensstärkere Gruppen häufiger digitale Informationsquellen und Bankberater." Jüngere Kunden wiederum setzen ganz überwiegend auf digitale Zugangskanäle und weniger auf persönliche Beratung.

Professionelle Beratung dringend notwendig
Zudem seien selbst viele in Finanzfragen eigentlich firme Menschen bei der Produktauswahl unsicher und würden letztendlich auf bekannte, konservative Finanzprodukte zurückgreifen. "Andere neigen zur Selbstüberschätzung der eigenen finanziellen Kompetenzen und treffen Entscheidungen, die einer objektiven Risikobewertung widersprechen und den langfristigen Vermögensaufbau gefährden", erläutern die Experten.

Das grundsätzlich geringe Finanzwissen der Deutschen, gepaart mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis bei der Geldanlage, führt den Autoren zufolge zu einer klaren Schlussfolgerung: "Unsere Ergebnisse verdeutlichen die dringende Notwendigkeit professioneller Anlageberatung, da das Verständnis für Finanzthemen in der breiten Bevölkerung häufig nur begrenzt ausgeprägt ist", so die Studienautoren. Banken und Berater müssten allerdings auf die sehr unterschiedlichen Ausgangslagen, Anforderungen und Wünsche eingehen können. (ert)