Der Carmignac Patrimoine war im Markt der vermögensverwaltenden Fonds einst das Maß aller Dinge. Doch das Flaggschiff hinkt den Wettbewerbern seit einigen Jahren deutlich hinterher. Viele Anleger wenden sich enttäuscht ab, auch wenn das neue Management-Duo Rose Ouahba und David Older hart daran arbeitet, die Performance zu stabilisieren. Dennoch: Das verwaltete Vermögen des Fonds von einst über 25 Milliarden Euro hat sich mehr als halbiert.

Für einen Vertriebler ist ein solches Umfeld sicherlich nicht einfach. Nils Hemmer stellte sich dieser Herausforderung: Der frühere Leiter des Drittvertriebs von Amundi in Deutschland übernahm im Sommer 2018 die Verantwortung für das Geschäft von Carmignac in Deutschland und Österreich. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE erläutert er, wo er Wachstumspotenzial sieht – und mit welchen Produkten er hierzulande neue Kunden werben möchte.


Herr Hemmer, Sie haben Amundi vor knapp zwei Jahren verlassen, um im Juli 2018 einen auf den ersten Blick eher undankbaren Job zu übernehmen: die Leitung von Carmignac in Deutschland und Österreich. Was hat Sie dazu bewogen, einem expandierenden Asset-Management-Giganten den Rücken zu kehren, um zu einem Haus zu wechseln, das seit Jahren hohe Abflüsse aus seinem Flaggschiffportfolio verzeichnen muss?

Nils Hemmer: Bei Carmignac wurden 2018 und 2019 viele Weichen neu gestellt, und diese Änderungen beginnen sich nun auszuzahlen. Es handelt sich um eine Turnaround-Story – und wir haben die Basis geschaffen, um das zu einer Erfolgsgeschichte werden zu lassen. In der Wahrnehmung vieler Branchenteilnehmer sind wir immer noch ein auf den Retailmarkt spezialisiertes Haus mit einem großen Multi-Asset-Flaggschiff. Es stimmt, dass das Retailgeschäft eine große Stütze für uns ist und bleiben soll, wir bedienen dieses Segment weiterhin mit dem gewohnten Service, mit Roadshows und allem, was dazu gehört. Doch in Zukunft sehen wir zusätzliches Wachstumspotenzial im hiesigen Markt vor allem im Geschäft mit Vermögensverwaltern und Dachfonds. Die Regulierung hat dafür gesorgt, dass der Verkauf von Einzelfonds immer schwieriger wird. Der Trend geht klar zu vermögensverwaltenden Lösungen. Für solche Konzepte können wir die passenden Bausteine in unterschiedlichen Anlageklassen liefern.

Meinen Sie wirklich? Wer Carmignac hört, denkt zuerst an den Patrimoine, aber nicht unbedingt an europäische Aktien oder spezialisierte Rentenstrategien.

Hemmer: Mag sein, dass einige Marktteilnehmer eine solche "mentale Shoppingliste" führen, aber unsere Produktpalette ist wesentlich breiter. Daher trauen wir uns zu, auch in den von Ihnen genannten Kategorien punkten zu können. Unser Vorteil ist der Boutique-Ansatz, die echte Unabhängigkeit im Denken. Viele Fonds der großen Häuser funktionieren im Grunde recht ähnlich, unsere Produkte dagegen unterscheiden sich deutlich. Das wissen unsere Kunden zu schätzen. Ein Beispiel hierfür ist der Carmignac Grande Europe, der vor gut drei Jahren von Mark Denham übernommen wurde und sich nun im ersten Quartil seiner Morningstar-Kategorie befindet. Oder nehmen Sie Eliezer Ben Zimra und Guillaume Rigeade, die im vergangenen Jahr von Edmond de Rothschild Asset Management zu uns stießen und nun den Carmignac Unconstrained Euro Fixed Income verantworten. Im Segment der globalen Unternehmensanleihen kommt der Carmignac Unconstrained Credit hinzu, der in diesem Jahr seinen dritten Geburtstag feiert und spätestens dann auf dem Schirm vieler Fondsselektoren auftauchen wird. Die Expertise, die wir im Rentenbereich aufgebaut haben, kommt übrigens auch unseren großen Multi-Asset-Portfolios zugute.

Dennoch sind die großen Abflüsse aus dem Patrimoine sicherlich schmerzhaft. Mussten Sie Ihr Team verkleinern?

Hemmer: Nein. Wir investieren! Wir haben das Team in Frankfurt jüngst mit zwei Experten für den Wholesale-Bereich verstärkt, auch im Retail-Team gab es einen Zugang. Der deutsche und der österreichische Markt haben eine große Bedeutung für Carmignac.

Wie groß ist das Team in Frankfurt aktuell?

Hemmer: Drei Business Development-Kollegen kümmern sich um das IFA-Segment sowie Sparkassen, Volks- und Direktbanken, zwei um das Wholesale- respektive das semiinstitutionelle Geschäft. Hinzu kommen zwei Support-Funktionen.

Abgesehen von den Vermögensverwaltern und Dachfondsmanagern: In welchen Vertriebskanälen sehen Sie weiteres Potenzial?

Hemmer: Wir sehen Potenzial im Unit-linked-Kanal, also dem Geschäft mit Fondspolicen. In diesem Bereich, in dem Carmignac in Deutschland schon früher recht erfolgreich war, hatten wir lange kein passendes Produkt. Seit gut einem Jahr gibt es eine Anteilsklasse des Mischfonds Carmignac Patrimoine Europe, für die keine erfolgsabhängige Gebühr anfällt und die somit für Fondspolicen geeignet ist. Die Nachfrage in diesem Segment nimmt deutlich zu. Hier kommt uns zugute, dass die Vermittler unser Haus kennen und die Marke Carmignac auch den Privatkunden ein Begriff ist.

Wegen der niedrigen Zinsen spricht bei Versicherungen eigentlich schon seit Jahren alles für Fondspolicen. Dennoch kommt der Markt gefühlt immer noch nicht so wirklich in Schwung – oder täuscht der Eindruck?

Hemmer: Die Nachfrage nach Fondspolicen zieht wirklich an. Langsam wagen sich die Menschen tatsächlich an Aktieninvestments heran. Wir begleiten diesen Prozess, indem wir beispielsweise über Sparplaneffekte und die langfristige Perspektive bei der Kapitalanlage aufklären. Unsere Branche redet seit mittlerweile zehn Jahren davon, dass aus Sparern Investoren werden müssen. Jetzt gibt es eine faire Chance, dass das tatsächlich passiert.

Vielen Dank für das Gespräch. (bm)