Bei der Altersvorsorge orientieren sich viele Anleger und Berater an zwei Faustregeln. Die erste lautet: Die Aktienquote sollte, dem Lebensabschnitt gemäß, nicht höher liegen als die Zahl hundert minus das Alter des Investors. Wer also mit 50 Jahren Geld für den Ruhestand zurücklegt, steckt demnach idealerweise die Hälfte der Summe in Aktien – Tendenz mit den Jahren abnehmend.

Im angelsächsischen Raum ist indes die sogenannte 4%-Regel weiter verbreitet: Sie gibt an, wie viel Prozent Ruheständler pro Jahr vom Startwert eines ausgewogenen Aktien-Renten-Portfolios aufzehren können, um damit sehr wahrscheinlich 30 Jahre lang auszukommen. Wer etwa zum Rentenstart 100.000 Euro auf der hohen Kante hat, kann im ersten Jahr aus dem Kapitalstock 4.000 Euro entnehmen. Ab dem zweiten Jahr muss er den Betrag dann zusätzlich um die Inflation korrigieren.

Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) hat sich angeschaut, ob die beiden Renten-Faustregeln tatsächlich etwas taugen. Das Ergebnis: Eine der beiden Weisheiten ist durchaus sinnvoll, auch wenn man sie etwas freier interpretieren sollte, um damit zuverlässig Erfolg zu erzielen. Nach der zweiten sollte man sich bei der finanziellen Vorbereitung auf den Ruhestand dagegen eher nicht richten.

Studie mit einigen Schwächen
Die 4%-Regel geht auf die sogenannte "Trinity-Studie" aus dem Jahr 1998 zurück. Professoren der Trinity-Universität in Texas analysierten darin unterschiedlich lange Zeiträume an den US-Finanzmärkten zwischen 1926 und 1995. Sie kamen zu dem Schluss: Ein Portfolio, das je zur Hälfte aus Aktien und Anleihen besteht, erlaubt dem Investor die Entnahme von inflationsangepassten vier Prozent des Vermögenswertes pro Jahr über 25 Jahre hinweg. In keinem einzigen der Beobachtungszeiträume wäre das Geld vorzeitig aufgebraucht gewesen. Über eine Spanne von drei Jahrzehnten war das Bild dann nicht mehr ganz so makellos, aber immer noch ausgesprochen positiv: Je nach Marktentwicklung war das Geld in diesem Zeitraum in nur fünf Prozent der Perioden vorzeitig aufgezehrt, schreibt NZZ-Autor Patrick Herger.

Sollten Anleger ihr Vermögen also je zur Hälfte in Aktien und Anleihen stecken, mit vier Prozent Entnahme planen und die Altersvorsorge somit für abgeschlossen erklären? Ein Forschungspapier aus dem Jahr 2013 kommt zu dem Ergebnis, dass es nicht ganz so einfach ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass das investierte Geld keine drei Jahrzehnte reicht, ist demnach deutlich höher, als die "Trinity-Studie" nahelegt. Das hat laut NZZ drei Gründe: Die texanischen Forscher haben keine Kosten und Gebühren berücksichtigt. Sie haben zudem nur den US-Markt angeschaut. Und sie gingen von höheren Zinsen aus, als Anleger sie heute bekommen.

Mut zur hohen Aktienquote
Trotz diverser Schwächen fahren Anleger bei der Altersvorsorge-Planung mit der 4%-Regel insgesamt gut. Darauf deutet wiederum ein Forschungspapier aus dem Jahr 2018 hin, verfasst von Javier Estrada, Professor an der spanischen Elite-Universität IESE. Er ist die Sache umgekehrt angegangen und hat sich angeschaut, wie die optimale Verteilung von Aktien und Anleihen aussehen muss, damit man einem Portfolio 30 Jahre lang inflationsadjustiert je vier Prozent pro Jahr entnehmen kann. Ergebnis: "In den meisten Ländern ist es laut Studie für einen so langen Anlagehorizont optimal, hundert Prozent seines Portfolios in Aktien zu halten, so etwa in Deutschland", fasst Herger die Ergebnisse des Professors zusammen. Das ist aber deutlich mehr, als die populäre Lebensformel "Aktienquote gleich hundert minus Anlegeralter" besagt.

Die aktuelle Forschungslage ist eindeutig: Die "hundert minus Lebensalter"-Regel sollten Investoren besser ignorieren. Die 4%-Regel dagegen ist im Allgemeinen eine brauchbare Richtschnur für die Altersvorsorge. "Besonders risikoaverse Investoren können daraus außerdem leicht die 3%-Regel machen", heißt es im NZZ-Artikel. Fällt die Rendite niedriger aus als geplant, muss man nachjustieren und dem Portfolio eine Zeitlang weniger Geld entnehmen, bis der Ertrag unterm Strich wieder stimmt. Sicherheitshalber sollten Anleger zudem für die Ruhestandsplanung einen Experten heranziehen, rät NZZ-Autor Herger. (fp)