Kaum war die Umsetzung der Finanzmarktrichtlinie Mifid II geschafft, halten nun die Folgen der Covid-19-Pandemie die Asset-Manager-Branche auf Trab. Damit nicht genug, bahnt sich einer weitere, bedeutende Änderung an: das Ende klassischer Geldmarktsätze wie Libor, Eonia & Co. Rund um den Globus stützen sich dem Finanzstabilitätsrat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zufolge Kredite, Anleihen oder andere Finanzinstrumente mit einem nominal ausstehenden Volumen von rund 370 Billionen US-Dollar auf die Geldmarktsätze. Fallen sie als Referenz weg, wird den entsprechenden Wertpapieren die Basis entzogen.


Wo im Detail Fallstricke bei der Ablösung der gängigen Geldmarktsätze lauern und welche neuen Barometer Libor, Eonia & Co. ersetzen, lesen Sie in der Heftausgabe 1/2020 von FONDS professionell.


Dieser Umbruch hat auch für Portfoliomanager gravierende Folgen. Denn sie greifen oft auf Anleihen oder Finanzderivate zurück, die an einen der Leitsätze gekoppelt sind. Oder die Fonds selbst vergleichen ihre Wertentwicklung anhand dieser Maßstäbe. Die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman hat in einer Analyse auf Basis von Morningstar-Daten kalkuliert, dass neben Geldmarkt- und Anleihefonds insbesondere Misch- und alternative Fonds einen der drei Leitsätze Libor, Eonia oder Euribor als Messlatte nutzen. Zudem fließen die als sicherer Zins geltenden Werte auch im Hintergrund in Risikomodelle oder Wertberechnungen ein.

Massive Manipulation
Notwendig geworden war die gewaltige Austauschaktion wegen der schwerwiegenden Manipulationen, die seit 2011 bekannt wurden. Zahlreiche Banken, die zur Festsetzung der Referenzsätze beitragen, hatten falsche Daten gemeldet. Behörden weltweit verhängten daraufhin Bußgelder gegen Banken in Höhe von fast zehn Milliarden Dollar. Mehrere Händler, die an den Manipulationen maßgeblich beteiligt waren, wurden zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt. Zudem beschlossen die Regulierer eine umfassende Reform.

Als ersten Schritt entzog die FCA der London Stock Exchange die Feststellung der Libor-Werte und übertrug sie dem Börsenplatzbetreiber NYSE. Zudem soll die Libor-Festsetzung nach Wunsch der Aufseher auslaufen. Reichen auf Druck der Regulierer immer weniger Institute Datensätze ein, gilt der Geldmarktindikator nicht mehr als repräsentativ. Viele Finanzinstrumente müssen sich dann an anderen Messlatten orientieren. Auch die Europäische Union beschloss das Ende des Euro-Satzes Eonia, das ursprünglich schon Ende 2019 vollzogen sein sollte. Die Umstellung wurde aber verschoben, ebenfalls auf das Jahr 2021.

Überlebenschance
Für die verschiedenen Währungsräume wurden neue Leitbarometer als Ersatz entwickelt. Sie sollen weniger anfällig für Manipulationen sein. Der grundlegende Unterschied dieser Messlatten zu den Vorläufern: Sie beruhen nicht mehr auf Meldungen einer relativ kleinen Zahl von Banken, sondern auf echten Transaktionen verschiedener Akteure im Geldmarkt, was einen möglichen Betrug erschweren soll. Lediglich dem Euribor räumen Beobachter über 2021 hinaus eine Überlebenschance ein. Er durchlief eine Reform und wurde ebenfalls auf tatsächlich vollzogene Transaktionen umgestellt.

Einfach und einheitlich wird der Wechsel aber nicht ablaufen. Zwar hat etwa der Internationale Finanzderivateverband ISDA eine Methodik entwickelt, nach der etwa Swaps auf neue Barometer umgestellt werden können. Bei anderen Wertpapieren ist dies jedoch nicht so einfach möglich. Bei variabel verzinsten Schuldverschreibungen etwa findet sich häufig die Klausel, dass beim Wegfall des Referenzsatzes einfach dessen letzter verfügbarer Wert verwendet wird. Die Papiere wären damit aber faktisch fest verzinst. Bei anderen Instrumenten wiederum ist völlig unklar, was beim Wegfall des Geldmarktsatzes passiert – was ungeahnte Risiken für Emittenten wie für Investoren birgt. Im Zweifel müssen beide Seiten für jedes einzelne Wertpapier neue Konditionen aushandeln. (ert)