McKinsey: Für welche Kunden Berater bald überflüssig werden
Künstliche Intelligenz könnte das Wealth Management grundlegend verändern. Während Standardberatung zunehmend automatisiert wird, rücken bei der Betreuung sehr vermögender Kunden emotionale Kompetenz und komplexe Fragestellungen stärker in den Vordergrund.
Vermögensverwalter im Geschäft mit großen Vermögen, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz relevant bleiben wollen, könnten bald zu dem Schluss kommen, dass Kunden mit lediglich einer Million Dollar an liquiden Mitteln keinen Einsatz menschlicher Arbeitszeit mehr rechtfertigen.
"Der vermögende Massenkunde erhält inzwischen etwas, das der Qualität eines Private-Banking-Angebots durch KI sehr nahekommt", erklärt Debasish Patnaik, Senior Partner bei McKinsey & Co. Das entziehe nicht nur Beratern den Wert, deren Rolle auf standardisierter Beratung beruhe. Es bedeute auch, dass sich das Profil der Mitarbeiter im Wealth Management grundlegend verändere, sagt er im "Bloomberg"-Interview.
Standardberatung zunehmend automatisierbar
Nach Patnaiks Einschätzung könnten Anleger mit liquiden Vermögenswerten zwischen 100.000 und einer Million Dollar – in der Branche allgemein als vermögende Massenkunden definiert – bald weitgehend von KI betreut werden. Menschliche Vermögensverwalter müssten sich im Wealth Management stattdessen darauf konzentrieren, bei sehr wohlhabenden Kunden einen Mehrwert zu schaffen, insbesondere indm sie ihre emotionalen Bedürfnissen berücksichtigen.
Finanzfachleute weltweit versuchen einzuschätzen, wie KI ihre Berufe verändern wird. Die Signale aus der Branche und von deren Beratern sind dabei nicht immer eindeutig. Im Wealth Management gibt es sogar Hinweise darauf, dass KI zusätzlichen Personalbedarf schafft, da Unternehmen die erwarteten Produktivitätsgewinne für Wachstum nutzen wollen.
Citi baut Personal auf und setzt auf KI
Die Citigroup will während der Einführung von KI hunderte neue Mitarbeiter für ihr Private-Banking- und Wealth-Management-Geschäft einstellen. Vorstandschefin Jane Fraser hat ausdrücklich das Ziel ausgegeben, die Bank zu einem "globalen Marktführer im Wealth Management" zu machen.
Citi wird nach eigenen Angaben 400 Wealth-Management-Berater für das US-Privatkundengeschäft sowie weitere 100 Mitarbeiter für das Private Banking einstellen. Gleichzeitig entwickelt die Wall-Street-Bank eine KI-gestützte Software, die nahezu sofortige Portfolioanalysen in großem Umfang ermöglichen soll. Solche Aufgaben benötigen derzeit mehrere Stunden.
Knopfdruck statt Stundenarbeit
Banker werden in der Lage sein, "einen Knopf zu drücken", um sofort "eine E-Mail des Chief Investment Officer zu entwerfen und deren Bedeutung für den Kunden zusammenzufassen", sagte Joe Bonanno, Leiter Wealth Intelligence bei Citi, im "Bloomberg"-Interview.
Zu den von Citi eingeführten Produkten gehört ein KI-gestützter Gesprächsavatar, der wohlhabende Kunden beispielsweise bei Fragen zur Verwaltung des College-Fonds ihrer Kinder unterstützen soll. Insgesamt werde KI es Citi ermöglichen, häufiger mit Kunden in Kontakt zu treten, und "Interaktion macht Kunden zufriedener und loyaler", sagte Bonanno.
Emotionale Kompetenz als Wettbewerbsvorteil
Patnaik betonte, dass bei der Betreuung sehr vermögender Kunden emotionale Kompetenz entscheidend sei. Dazu gehöre der Umgang mit angespannten Situationen wie Erbschaftsentscheidungen innerhalb einer Familie oder die Begleitung von Kunden durch starke Marktrückgänge.
Berater, die erfolgreich "die Stimmung im Raum erfassen" und "Familiendynamiken steuern", hätten die besten Chancen, dem KI-Druck standzuhalten, sagte Patnaik. Sie müssten bereit sein, "einen Kunden während einer Nachfolge oder eines Liquiditätsereignisses zu begleiten und ihm zu helfen, klar zu denken. KI kann das nicht leisten, daher werden Unternehmen bei Einstellungen großen Wert darauf legen."
Die Suche nach dem menschlichen Mehrwert
Fachkräfte in der Branche, in der leitende Betreuer für ultrareiche Kunden mehrere Millionen Dollar pro Jahr verdienen können, versuchen derzeit zu bestimmen, was menschliche Berater gegenüber KI unersetzbar macht. Gleichzeitig wächst die Zahl der verfügbaren KI-Produkte weiter.
Das Anthropic-Modell Claude, ChatGPT von OpenAI und das LLM Gemini der Google-Mutter Alphabet bieten bereits Werkzeuge an, mit denen Nutzer Portfolios modellieren, Steuerstrategien optimieren und sogar mögliche philanthropische Projekte prüfen können.
UBS setzt eigene KI-Plattform ein
Auch Banken entwickeln eigene Plattformen. Bei der UBS, dem weltgrößten Akteur im Wealth Management, nutzen bereits 90 Prozent der Beratungsteams in den USA eine interne KI-Plattform zur Steigerung ihrer Produktivität. Laut einer Sprecherin erhalten UBS-Privatbanker und Vermögensverwalter inzwischen über das hauseigene KI-System personalisierte Kundeneinblicke.
Die Schweizer Bank setze KI ein, um Bereiche wie die Produktivität von Beratern und die operative Effizienz zu verbessern, während gleichzeitig Governance, Transparenz und Vertrauen priorisiert würden, sagte die Sprecherin.
Der Mensch bleibt gefragt
Tatsächlich scheint die Einführung von KI inzwischen neue Formen menschlicher Expertise zu schaffen, etwa im Bereich der KI-Governance. Unternehmen würden voraussichtlich zunehmend auf "Spezialisten, Verhaltensdatenwissenschaftler, Personalisierungsarchitekten und Fachkräfte für Human-in-the-Loop-Aufsicht" angewiesen sein, sagte Patnaik.
Dabei handele es sich um "völlig neue Rollen", die "vor einigen Jahren im Wealth Management noch nicht existierten". "Diese hybriden Profile, die Fachwissen mit technischer Kompetenz verbinden, gehören zu den am schnellsten wachsenden und am schwierigsten zu besetzenden Funktionen im gesamten Finanzdienstleistungssektor." (mb/Bloomberg)















