Banken und Broker dürfen nach dem Start der Mifid-II-Richtlinie in ihren Marktberichten keine konkreten Wertpapiere mehr nennen, die sie für besonders attraktiv oder riskant halten. Ein Unding, finden Analysten der Privatbank M.M.Warburg: "Der Gesetzgeber und die Gerichte scheinen zu unterstellen, dass Verbraucher grenzdebil sind und sich von bösen Banken unreflektiert ausbeuten lassen." Oder anders ausgedrückt: "Dass Sie, lieber Leser, wie von der Tarantel gestochen zur nächsten Bankfiliale laufen, Ihr Haus verpfänden und Ihr Vermögen auf wenige Aktien setzen", heißt es in einer aktuellen Ausarbeitung.

Den mündigen und geschäftsfähigen Bürger und Verbraucher früherer Prägung scheint es demnach heutzutage nicht mehr zu geben. Dass Research-Publikationen auch einfach dem Zweck dienen könnten, sich über Kapitalmarktthemen auf dem Laufenden zu halten und auszutauschen, falle unter den Tisch und wurde von den Regulatoren schlicht nicht berücksichtigt. "In der Folge einer über das Ziel hinausschießenden Überregulierung wurde genau diesem Informationsaustausch ein Riegel vorgeschoben", schreiben die M.M.Warburg-Spezialisten in ungewohnt scharfem Ton.

Doch es kommt noch schlimmer: Das Vakuum, das sich durch die erzwungene Funkstille der Banken ergibt, werde zunehmend von unseriösen Finanzgurus gefüllt, die anders als Banken keiner Regulierung unterliegen, warnt M.M.Warburg. "Es ist kaum vorstellbar, dass der Gesetzgeber das möchte, aber genau das passiert, wenn man – weitgehend der echten Welt entrückt und primär ideologisch geprägt – sein Handwerk betreibt."

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen
Immerhin: Aktien lassen sich in sogenannte Industriegruppen unterteilen, für die es keine gängigen Finanzinstrumente gibt. Für diese Industriegruppen wagen die Analysten der Privatbank dann doch eine Prognose. "Wir hoffen, dass wir so den Konflikt mit dem Gesetz vermeiden und nicht mit einem Fuß im Gefängnis stehen", schreiben sie in ihrem Marktbericht. Besonders attraktiv sind demnach Anteilscheine aus den Bereichen Home Construction, Home Improvement und Delivery Services.

Ob es sich bei den genannten Favoriten um globale, US-amerikanische oder europäische Sektoren handelt, wagt M.M.Warburg dann wiederum nicht zu sagen. "Wir liefen sonst Gefahr, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen", so die Analysten. Sie hoffen nach eigenen Angaben darauf, dass die Politik ihr Auskunftsverbot noch einmal überdenkt. (fp)