Philippe Aghion hat gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern das Konzept des Wachstums durch "schöpferische Zerstörung" nach dem Ökonomen Joseph Schumpeter (1883 – 1950) weiterentwickelt und dafür 2025 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Neben seiner universitären Laufbahn ist Aghion als enger Berater von Präsident Emmanuel Macron tief in die französische Wirtschaftspolitik involviert.

Im Gespräch mit FONDS professionell bei einer Veranstaltung von Amundi in Paris warnt Aghion vor einem weiteren Aufstieg von Populisten, wenn Europa die KI-Revolution nicht inklusiv gestalte. Ein Umdenken fordert der Ökonom bei der Familien- und Zuwanderungspolitik sowie bei den Investitionen: Aghion tritt für die Schaffung einer europäischer Innovationsagentur nach dem Vorbild der amerikanischen DARPA ein. 


Herr Aghion, Sie kritisieren einen Teil der EU-Regulierungen als innovationshemmend. Nehmen wir an, wir wollen in fünf Jahren ein europäisches OpenAI oder eine europäische Nvidia haben. Welches Gesetz würden Sie sofort abschaffen?

Philippe Aghion: Ich würde auf das bereits vorgeschlagene 28. Regime drängen (die "EU Inc." als einheitliche Unternehmensrechtsform, Anm.d.Red.). Wenn Sie etwa eine neue KI-Firma sind, können Sie das 28. Regime nutzen und sind nicht wie bisher von den einzelnen Länderregulierungen betroffen, Sie haben dann keine Handelsbeschränkungen. Das wäre ein großer Schritt.

 

"Ich wünsche mir einen vollständig unabhängigen Europäischen Forschungsrat nach dem Vorbild der Europäischen Zentralbank."

 

Vieles in der EU ist nicht vereinheitlicht. Das fängt schon bei der Bildung an, die weitgehend ein nationales Thema ist. Und in den einzelnen Staaten wiederum liegt die Verantwortung für Schulen und Hochschulen oft bei Kleinstregionen. Braucht Europa eine zentralisiertere Bildungspolitik?

Aghion: Ja. Wir brauchen Hubs und große Universitäten.

Auch mehr EU-finanzierte Hubs?

Aghion: Ja, absolut. Und wir brauchen mehr Langfristigkeit. Wir haben den European Research Council (ERC, Europäischer Forschungsrat, Anm.d.Red.), aber sein Budget ist zu klein und die Zusagen gelten jeweils nur für fünf Jahre. Wir brauchen einen größeren ERC, und er muss autonomer sein. Ich wünsche mir einen vollständig unabhängigen Europäischen Forschungsrat nach dem Vorbild der Europäischen Zentralbank. Er sollte in der Lage sein, Forschungslabore zu initiieren und auf Zehn-Jahres-Basis zu finanzieren. In Frankreich haben wir zum Beispiel die LabEx eingerichtet, die Laboratoires d'Excellence, wo es um die Schaffung von Exzellenzclustern geht.

Was wäre ein ausreichendes Budget für den Europäischen Forschungsrat, um eine Zahl zu nennen?

Aghion: Man sollte zumindest das Budget des Europäischen Forschungsrats verdoppeln (2025: 2,7 Milliarden Euro, Anm.d.Red.). Das ist nur ein Schritt. Darüber hinaus müssen wir wie in den USA eine DARPA gründen, eine Defense Advanced Research Projects Agency (die Forschungs- und Entwicklungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums, Anm.d.Red.). Dafür müssen wir Kredite aufnehmen.

 

"Wir sollten dafür die gemeinsame Schuldenaufnahme in der Europäischen Union aktivieren."

 

Also gemeinsame EU-Schulden...

Aghion: Die Idee wäre: Die Mitgliedstaaten zeigen ernsthaft, dass sie ihre öffentlichen Finanzen unter Kontrolle haben, und im Austausch bekommen sie denselben Spielraum wie im Rahmen der Covid-Aufbauhilfen, um gezielt in die Bereiche Verteidigung, KI, Biotech und Energietransition zu investieren. Wir sollten dafür die gemeinsame Schuldenaufnahme in der Europäischen Union aktivieren.

Sollen Investitionen in diese Bereiche rein über Schuldenaufnahme finanziert werden, oder muss man bei einzelnen Subventionsbereichen sparen, um mehr für Technologie zur Verfügung zu haben?

Aghion: Nein, das würde ich nicht tun. Es geht um die Aufnahme von Schulden, die wir in Richtung einer europäischen DARPA lenken sollten. Und damit würden wir natürlich private und Co-Investments ankurbeln.

Sie sagen, Innovation ist der Treibstoff für Wachstum. Ich frage mich, ob es das allein ist. Unsere demografische Lage ist schwierig, wir haben eine alternde Gesellschaft...

Aghion: ...da wird uns KI helfen.

Wir stehen bei der Demografie aber auch schlechter da als zum Beispiel die USA. Die Fertilität in Europa ist niedriger. Haben wir nicht auch wegen der schrumpfenden Arbeitsbevölkerung Limits oder einen Wettbewerbsnachteil?

Aghion: Es geht nicht nur um die Zahl der Leute. Eine ältere Bevölkerung ist keine innovative. Wir brauchen mehr junge Leute. Wir brauchen eine Familienpolitik, die Menschen ermutigt, mehr Kinder zu bekommen. Aber dafür müssen wir eine bessere Welt schaffen, mit einem guten Schulsystem, mit einem Flexicurity-Arbeitsmodell wie zum Beispiel in Dänemark (flexibler Kündigungsschutz, aber hohe soziale Absicherung, Anm.d.Red.), mit einer guten Umweltpolitik. Die Leute haben weniger Kinder bei ineffizientem Zugang zu Bildung oder bei geringer Jobsicherheit. Und darüber hinaus ist eine gut durchdachte Migrationspolitik nötig, die Zuwanderung mit Integration kombiniert. Es gab zu viel Zuwanderung auf einmal. Das kann man managen.

Die EU ist beim gemeinsamen Management der Migration bisher gescheitert. Darf man sich da Hoffnungen machen, dass es einmal besser funktioniert?

Aghion: Ich denke, sie müssen über eine Migrationspolitik reden, wo man Werte unterrichtet, wo man integriert, wo man Lösungen hat wie das kanadische Punktesystem.

 

"Bei der Globalisierung und der IT-Revolution wurden manche Leute außen vor gelassen. Diejenigen, die sich verlassen fühlen, denken eben nicht mehr, dass das Schulsystem, das Klima, die Zukunft ihrer Kinder oder der Arbeitsmarkt ausreichend gut sind. Das ist der Punkt, an dem sie sich Populisten zuwenden."

 

Sie sind sehr überzeugt von Europa und sagen, wir Europäer müssen positiver über uns selbst denken...

Aghion: ...ja, das müssen wir absolut!

Populisten arbeiten gezielt gegen eine optimistische Wahrnehmung Europas. Wer ist verantwortlich für mehr positive Stimmung?

Aghion: Bei der Globalisierung und der IT-Revolution wurden manche Leute außen vor gelassen. Diejenigen, die sich verlassen fühlen, denken eben nicht mehr, dass das Schulsystem, das Klima, die Zukunft ihrer Kinder oder der Arbeitsmarkt ausreichend gut sind. Das ist der Punkt, an dem sie sich Populisten zuwenden. Deshalb ist es sehr wichtig, dass das Wachstum grün und inklusiv ist. Inklusives Wachstum schwächt die Motivation, sich Populisten zuzuwenden. Ich respektiere die populistischen Parteien nicht. Aber man muss die Leute respektieren, die Populisten wählen. Sie sind besorgt, fühlen sich verschmäht, verlassen. Wir müssen bei der KI-Revolution erfolgreich sein, müssen diese aber inklusiv und protektiv gestalten. Europa hat fantastische Werte. Demokratie und Freiheit sind in Europa verankert. Wir haben ein viel besseres soziales Modell als die USA. Wir sorgen uns um die Umwelt, haben fantastische Wissenschaftler. Viele bahnbrechende Innovationen basieren auf europäischer Forschung. Wenn wir diese Assets mobilisieren, haben wir eine tolle Zukunft.

 

"Die nächste Revolution innerhalb der Evolution sollte in Europa stattfinden. Und wir haben alles, um erfolgreich zu sein."

 

Braucht die EU eine bessere Marketingstrategie, damit wir uns unserer Ressourcen bewusster werden?

Aghion: Ja, aber man muss auch tatsächlich daran arbeiten. Wir brauchen eine ethischere KI, eine KI, die schlechte KI-Anwendungen bekämpfen kann. Das kann in Europa gelingen. Die nächste Revolution innerhalb der Evolution sollte in Europa stattfinden. Und wir haben alles, um erfolgreich zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch. (eml)