Wie groß ist die Versorgungslücke? Versuchen Privatleute, sich eine Vermögensbilanz für den Ruhestand zu erstellen, lassen sie Einkommen und lebenslange Renten oft außen vor, denn diese sind in ihren Augen keine Geldverträge. "Folglich werden diese Positionen bei der Gestaltung des Vermögens auch nicht berücksichtigt", weiß Finanzanalytiker Volker Looman.

Selbst manche Berater vergessen, dass zum Vermögensstatus auch die lebenslangen Renten- oder Pensionsansprüche gehören. Und die sollten nicht nur aus der aktuellen Renteninformation des gesetzlichen, betrieblichen oder privaten Rententrägers oder des Dienstherrn abgelesen werden, sondern gehören abgezinst mit der Lebenserwartung in den Statusbericht.

BMF-Schreiben hilft bei der Barwertermittlung
Looman verweist in diesem Zusammenhang auf das BMF-Schreiben vom 4. Oktober 2021 zur "Berechnung einer lebenslänglichen Nutzung oder Leistung". Es beinhaltet in einer Tabelle die Vervielfältiger zur Berechnung des Barwerts lebenslänglicher Leistungen, die nach der aktuellen Sterbetafel 2018/2020 des Statistischen Bundesamtes ermittelt wurden und ab 1. Januar 2022 gültig sind. Dabei wird der Barwert allerdings – wie schon 2021 – mit optimistisch hohen 5,5 Prozent "sicheren" Zinsen errechnet.

Ein kurzer Blick in die Tabelle genügt, um festzustellen, dass der Rentner im Beispielfall mit einer 1.500 Euro hohen Altersrente im Monat nicht gerade arm dran ist – zumal, wenn er noch eine private Rentenversicherung besitzt. "Ausgangspunkt sind die Jahresrenten, die mit den jeweiligen Vervielfältigern in der Tabelle zu multiplizieren sind", erklärt Looman auf Nachfrage von FONDS professionell ONLINE. Die 18.000 Euro Jahresrente des Mannes, der 2022 mit 66 Jahren in Rente geht und statistisch noch 17,19 Jahre lebt, sind demnach bei einem Vervielfältiger von 11,239 rund 202.302 Euro wert.

Zu hoher ministerialer Zinssatz
Das ist laut Looman jedoch eine riskante Betrachtungsweise, denn der vom Bundesministerium der Finanzen (BMF) festgelegte Zinssatz von 5,5 Prozent ist sehr hoch gegriffen. "Sichere Zinsen pro Jahr in dieser Höhe gibt es derzeit nirgendwo", warnt der Finanzanalytiker. Daher rechnet er selbst nur mit 3,0 Prozent bei der Abzinsung und kommt so auf 242.907 Euro Vermögensbetrag.

Diese Berechnung lässt sich nicht mit der Tabelle im BMF-Schreiben anstellen, denn dort sind nur Zahlen mit 5,5 Prozent Abzinsung aufgelistet. Ausweg: Man ermittelt den Barwert der Rente, für den beispielsweise 3,0 Prozent Abzinsung angesetzt werden, mit Hilfe von Rechenprogrammen, die es im Internet gibt.

Bei Renten wird Kapitalverzehr unterstellt
Wer nachrechnet und den Betrag mit 3,0 Prozent multipliziert und durch zwölf teilt, kommt nur auf etwa die halbe Rente. Des Rätsels Lösung: "Die Abzinsung laufender Zahlungen unterstellt den vollständigen Verzehr des Kapitals", erklärt der Finanzanalytiker. Wird dagegen nur mit dem Verbrauch der Zinsen gerechnet, wird unterstellt, dass am Ende das Kapital erhalten bleibt – das ist bei gesetzlichen Renten und bei Pensionen aber nicht der Fall", so Looman.

Berater sollten auf die Vermögenswerte, die in Renten stecken, in der Vorsorgeberatung aufmerksam machen, und sie keinesfalls verschweigen, rät Looman den Finanzberatern. (dpo)