In einem Interview Anfang Juni hatte Andreas Beys, Anlage- und Steuerexperte von Sauren Fonds-Service, auf die tatsächlichen Gründe für den enormen Absatzerfolg von ETFs in den USA aufmerksam gemacht und gezeigt, dass diese eher steuermotiviert sind, wodurch dem Fiskus jährlich Milliarden entgehen. Seither hat sich viel getan, die US-Politik hat das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Im Gespräch erläutert Beys den aktuellen Stand.


Herr Beys, in die Debatte um die in den USA bestehende steuerliche Bevorzugung von ETFs gegenüber aktiv verwalteten Fonds ist Bewegung gekommen. Was hat es damit auf sich?

Andreas Beys: Der enorme Absatzerfolg von ETFs in den USA seit 2011 ist weitgehend steuermotiviert und hat weniger mit gängigen Vorteilsargumenten zu tun. Insbesondere seit 2011 – damals beschloss die Obama-Regierung eine Erhöhung der Kapitalertragsteuer ab 2012 – haben viele ETF Anbieter in den USA die konzeptionellen Steuervorteile von ETFs mittels sogenannter Heartbeat-Trades künstlich ausgereizt. Und damit ETFs steuerlich insbesondere für vermögende Anleger sehr attraktiv gemacht, die dann auch seit 2011 auf Anraten der Berater sehr hohe Beträge aus aktiv verwalteten Fonds in ETFs umgeschichtet haben. Die hiesige ETF-Szene verschweigt dieses wichtige Detail gerne. In den US-Medien ist das Thema – auch aufgrund des relativ hohen US-Steuerschadens – präsent.

Seit Anfang des Jahres ist die Biden-Regierung im Amt. Hohe jährliche Steuermindereinnahmen lassen vermuten, dass die neue Regierung sich des Themas annimmt.

Beys: Dies ist auch so. Der Vorsitzende des Finanzausschusses des Senats, Ron Wyden, hat Ende September eine neue Steuer auf börsengehandelte Fonds (ETF) vorgeschlagen, um den 3,5 Billionen Dollar schweren Haushaltsplan der Demokraten zu finanzieren, aber auch um den oben beschriebenen Steuerausfall zu kompensieren. Aktuell ist noch unklar, ob die Demokraten diese Idee werden umsetzen können. In den US-Medien wird der Vorschlag intensiv diskutiert. Relativ einig ist man sich dabei, dass es eigentlich keine steuerlichen Unterschiede zwischen den Fondstypen geben sollte.

Für den deutschen Markt ist die steuerliche Behandlung von ETFs in den USA im Grunde irrelevant, richtig?

Beys: Steuerlich betrachtet ja. In Deutschland werden Anleger von ETFs und offenen Investmentfonds gleichermaßen besteuert. Aber die Information ist aus einem anderen Grund von Bedeutung: Im Diskurs über das Thema "aktiv versus passiv" wird oft die Volumenentwicklung von ETFs in USA als Beleg dafür verwendet, dass Anlagen in ETFs mittlerweile sinnvoller sei solche in aktiv verwaltete Fonds, nach dem Motto: "Die Amerikaner haben es bereits verstanden." Der Volumenzuwachs von ETFs zulasten des Volumens von offenen Fonds verstärkt das Gefühl, mit ETFs künftig eher auf der richtigen Seite zu stehen. Daher tut Aufklärung Not. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ohne Steuervorteil von ETFs die Volumenentwicklung in den USA vollkommen anders verlaufen wäre, ETFs könnten immer noch ein Nischendasein führen. Denn es fällt doch auf, dass in anderen Ländern, in denen ETFs keinen Steuervorteil gegenüber offenen Investmentfonds besitzen, die Absatzzahlen eine komplett andere Sprache sprechen.

In konkreten Zahlen ausgedrückt: Das ETF-Volumen in den USA liegt bei gut 5,5 Billionen US-Dollar, rund 70 Prozent der globalen ETF Bestände. In Europa sind es nur knapp 1,2 Billionen US-Dollar ...

Beys: … wobei in Deutschland nur circa 47,6 Milliarden Euro von Privatanlegern gehalten werden. Auf den ersten Blick sind das natürlich keine Zahlen, die – zumindest in Bezug auf den hiesigen Markt – eine größere Bedrohung für aktiv verwaltete Fonds darstellen würden. Aber der Schein trügt: Wir bekommen mittlerweile von nahezu jedem Vertriebspartner gespiegelt, dass Anfragen von Kunden nach ETFs fast täglich vorkommen, oft auch in Verbindung mit den Kosten, die im Kundendepot anfallen. Die fallen bei aktiv verwalteten Fonds natürlich höher aus als bei ETFs. Da baut sich eine große Welle auf, die sowohl Anlageberater als auch Anbieter von aktiv verwalteten Investmentfonds nicht unterschätzen sollten, und die zudem fast täglich durch viele Medien angefüttert werden. Gerd Gigerenzer, renommierter Psychologe und Risikoforscher, hat vor kurzem gar "das Ende von Beratern und Geldverwaltern" prophezeit.

Wie sollte ein Berater damit umgehen? Einfach auch ETF-Depots anbieten?

Beys: Das wäre eine Möglichkeit. Wir stellen fest, dass erste Vertriebspartner ihr Angebot entsprechend erweitern. Was zwar völlig legitim, aber nicht frei von Risiken für die Berater ist.

Welche Risiken sehen Sie?

Beys: Aus Beratern, die ursprünglich für ihre Kunden die besten aktiven vermögensverwaltenden Fondskonzepte kombiniert haben, werden so Portfoliomanager beziehungsweise Fonds-Vermögensverwalter, die ein ETF-Depot zusammenstellen. Hier kann sich schnell der Blick des Anlegers auf den Berater verändern. Sollten hier die Gesamtergebnisse des ETFs-Depots über längere Zeit enttäuschen, so liegt die Schuld aus Sicht des Anlegers natürlich beim Berater. Das klassische Verteilen auf mehrere vermögensverwaltende Fonds hat dagegen den Vorteil, dass der Berater eine andere Rolle einnimmt. Er ist eher Begleiter des Anlegers in Sachen Geldanlage. Und sollte einer der ausgesuchten aktiven Fondskonzepte mal enttäuschen, wird nach einer Alternative zum enttäuschenden vermögensverwaltenden Fonds gesucht. Der Anleger aber bleibt als Kunde beim Berater.

Was schlagen Sie vor?

Beys: Ein Grund, warum es Spezialisten gibt, liegt darin, dass die Welt für einen allein zu kompliziert ist. Deshalb greifen wir alle immer wieder auf Fachleute in den unterschiedlichsten Bereichen zurück. Das sollte auch in der Finanzplanung so sein. Zu glauben, man könne mit ein paar zusammengestellten ETFs die Komplexität des Lebens und der Kapitalmärkte meistern, ist aus meiner Sicht naiv. Daher bin ich fest davon überzeugt, dass gute Anlageberater und gute Vermögensverwaltungskonzepte immer eine wichtige Rolle für die meisten Menschen in Bezug auf deren Finanzen einnehmen werden. Dessen sollte sich jeder Berater bewusst sein, oder anders gesagt: Wer seine eigentliche Rolle nicht kennt, bekommt früher oder später ein echtes Problem. Es geht dabei auch um die richtige Einstellung zu diesem eigentlich sehr tollen Beruf. Finanzberater sind wichtige Mittelsmänner und -frauen zwischen der Lebenswirklichkeit von Menschen und den Angeboten professioneller Vermögensverwaltungskonzepte. Das wünschen sich am Ende auch die meisten Menschen. Von daher ist der beste Schutz vor Konkurrenzprodukten oder anderen Finanzdienstleistern eine möglichst enge und vertrauensvolle Bindung zum Anleger und dessen Familie.

Sie bieten seit einiger Zeit einen Workshop zu diesem Themenfeld an. Was vermitteln Sie dem Berater?

Beys: Viele Berater fühlen sich nicht ohne Grund alleingelassen. Zudem brechen die öffentlichen Medien selten eine Lanze für Berater, im Gegenteil: In der Regel wird ein gewisser Interessenkonflikt unterstellt. Das wollen wir ändern. Dazu habe ich eine Reihe von Beiträgen verfasst, die Beratern helfen sollen, insbesondere ihre fachliche Kompetenz in diesem Themenbereich zu erweitern. Der Workshop vermittelt diese Inhalte in komprimierter Form. Und nicht zuletzt konfrontiere ich die Berater bewusst mit Ihrer eigentlichen Rolle wie eben beschrieben.

Vielen Dank für dieses Gespräch. (hh)