Deutsche Haushalte verfügen über hohe Ersparnisse, nutzen diese aber häufig nicht optimal für den langfristigen Vermögensaufbau. Zu diesem Ergebnis kommt die paneuropäische Studie "Vom Sparen zum Anlegen: Die Chance für Europa" von J.P. Morgan Asset Management. Für die repräsentative Untersuchung in der zweiten Julihälfte 2026 wurden insgesamt 17.000 Menschen im Alter von 18 bis 65 Jahren in neun europäischen Ländern befragt. In Deutschland nahmen 2.000 Personen teil.

Seit Beginn der Pandemie haben die deutschen Privathaushalte demnach zusätzlich 906 Milliarden Euro in Sparanlagen wie Tages- und Festgeld angelegt. Wäre diese Summe stattdessen in Aktien aus Industrieländern investiert worden, hätte sie sich auf Basis der Wertentwicklung im betrachteten Zeitraum rechnerisch auf rund 1,8 Billionen Euro erhöht.

Mit der Verzinsung der Sparanlagen wuchs der Betrag dagegen lediglich auf rund 987 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein rechnerisch entgangener Vermögenszuwachs von rund 843 Milliarden Euro. Die Modellrechnung stellt keine tatsächlich erzielbare Wertentwicklung oder Anlageempfehlung dar.

Europa lässt Billionen auf Konten liegen
Auch in anderen europäischen Ländern dominiert das Sparen. Europas Haushalte haben seit Beginn der Pandemie zusätzlich 2,8 Billionen Euro zurückgelegt. Durch die überwiegende Anlage auf niedrig verzinsten Konten erhöhte sich der Wert lediglich auf rund drei Billionen Euro. Eine Investition in globale Aktien hätte daraus im betrachteten Zeitraum rechnerisch etwa 5,4 Billionen Euro gemacht. Die Differenz beträgt rund 2,4 Billionen Euro.

"Deutschland hat kein Sparproblem, sondern ein Investmentproblem", sagt Christoph Bergweiler, Leiter des kontinentaleuropäischen Fondsgeschäfts bei J.P. Morgan Asset Management. Bleibe langfristig nicht benötigtes Geld überwiegend auf Konten liegen, verzichteten die Menschen auf Möglichkeiten zum Vermögensaufbau. Gleichzeitig fehle den Unternehmen Kapital für Investitionen, Innovation und Wachstum.

Zuversicht trifft auf fehlende Planung
Bei der Altersvorsorge setzen die Deutschen stärker auf Eigeninitiative als die Menschen in den übrigen untersuchten Ländern. Mehr als 60 Prozent sind zuversichtlich oder sehr zuversichtlich, ihren gewünschten Lebensstandard im Ruhestand finanzieren zu können. 47 Prozent erwarten, dabei vor allem auf die private Vorsorge angewiesen zu sein.

Einen klaren Plan für den Ruhestand verfolgen dennoch nur 31 Prozent der Befragten. Ein weiteres knappes Drittel hat begonnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Rund jeder Dritte hat dagegen noch keine konkreten Maßnahmen ergriffen oder sich bislang überhaupt keine Gedanken gemacht.

"Auch wenn die Zuversicht hoch ist, hapert es doch deutlich an der Umsetzung", erklärt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management.

Verlustängste halten vom Investieren ab
Mehr als drei Viertel der Befragten trauen sich nach eigenen Angaben zu, gute Anlageentscheidungen zu treffen. Fast 30 Prozent halten den größten Teil ihrer Ersparnisse – abgesehen von Notfallreserven – in Aktien. Gleichzeitig setzt weiterhin rund ein Viertel überwiegend auf Bargeld und Einlagen.

Von den Befragten ohne Aktienanlagen nennen 36 Prozent Verlustängste als Grund. Weitere 23 Prozent wissen nicht, wie sie investieren sollen. Mehr als jeder Fünfte hat ein Aktieninvestment bislang gar nicht in Betracht gezogen.

Zudem halten 15 Prozent Tages- und Festgeld für die Anlageform, die langfristig den besten Ertrag für den Ruhestand verspricht. Nach Einschätzung von Galler konzentrieren sich viele Sparer zu stark auf kurzfristige Schwankungen und unterschätzen das Risiko, langfristig nicht investiert zu sein.

Banken und Berater bleiben gefragt
Bei Finanzentscheidungen ist die eigene Bank für 41 Prozent der Deutschen die wichtigste Informations- und Unterstützungsquelle. Jeweils rund ein Viertel nutzt Finanzberater oder Finanzwebseiten. Etwa jeder Fünfte greift bereits auf künstliche Intelligenz wie ChatGPT zurück.

Persönliche Ansprechpartner bleiben damit von großer Bedeutung. Die Studie sieht neben einer Stärkung der Finanzbildung auch für Banken und Finanzberater eine wichtige Aufgabe beim Abbau von Wissenslücken und Verlustängsten.

Weitere Ergebnisse der Sparer-Studie und der Vergleich mit dem europäischen Durchschnitt finden Sie in der Grafikstrecke. (mb)