Sichteinlagen werfen seit Jahren kaum noch Zinsen ab. Trotzdem ist die Zahl der Tagesgeldkonten in Deutschland 2020 geradezu explodiert, nachdem sie jahrelang vor sich hin dümpelte. Diese auf den ersten Blick kuriose Entwicklung hat einen ernsten Hintergrund: Weil immer mehr Banken und Sparkassen für größere Beträge auf Giro- und Tagesgeldkonten Strafzinsen verlangen, verteilen Kunden ihr Geld offenbar zunehmend auf mehrere Institute. Das legt eine Studie der Zinsplattform Raisin DS nahe, über die die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtet.

Das Unternehmen, das die fusionierten Zinsportale Weltsparen und Deposit Solutions vereint, hat Daten der Deutschen Bundesbank und der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Kontoeröffnungen ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass zwar die Zahl der Tagesgeldkonten in die Höhe geschnellt ist, die Einlagen je Konto aber im selben Zeitraum zurückgegangen sind. Das spricht dafür, dass Sparer schlicht Geld auf mehrere Konten verteilt haben – statt ihre Ersparnisse in Wertpapiere zu investieren, wie Kreditinstitute es ihnen gern vorschlagen.

Mehr Konten mit weniger Geld 
Konkret ist die Zahl der Tagesgeldkonten in Deutschland im vergangenen Jahr um vier Prozent gestiegen, berichtet die FAZ. In den fünf vorangegangenen Jahren hatten die Zuwachsraten bei deutlich unter einem Prozent gelegen. Zugleich sank das durchschnittliche Guthaben je Tagesgeldkonto im Jahr 2020 um 1,9 Prozent – in den Jahren zuvor war es im Schnitt um fast vier Prozent gestiegen. 

Die Frage, wo man sein Geld überhaupt noch "strafzinsvermeidend" aufbewahren soll, hat zuletzt an Brisanz gewonnen. Die Ersparnisse der Deutschen sind in den vergangenen Quartalen weiter gestiegen. Zugleich haben viele Geldhäuser die Summe, ab der sie "Verwahrentgelte" nehmen, sukzessive gesenkt. "Es ist schon logisch, dass die Kunden das Geld besser verteilen, wenn die eine oder andere Bank ein Verwahrentgelt verlangt", sagt Max Herbst, Chef der FMH-Finanzberatung, in der FAZ. Banken reagieren ihrerseits auf diese Entwicklung: Sie bieten Neukunden teils überhaupt keine Tagesgeldkonten mehr an. (fp)