Nachhaltigkeit gewinnt bei der Geldanlage an Bedeutung. Dies zeigte zuletzt eine Umfrage unter Bankberatern durch das Marktforschungsinstitut Ipsos im Auftrag von Union Investment, wie FONDS professionell ONLINE berichtete. Anja Bauermeister, Abteilungsleiterin Publikumsfonds bei dem zentralen Investmenthaus der genossenschaftlichen Bankengruppe, erläutert im Interview, warum ESG-Aspekte bei der Geldanlage noch kein Selbstläufer sind und vor welchen Aufgaben Banken, Berater und Produktanbieter stehen.


Frau Bauermeister, welchen Rang nimmt bei Privatanlegern die Nachhaltigkeit bei der Geldanlage ein?

Anja Bauermeister: Das Thema hat nachweislich an Bedeutung gewonnen. Bei den Privatkunden ist es aber noch nicht das Primärziel der Geldanlage. Diese sind nach wie vor Sicherheit, Rendite und Liquidität. Das liegt unter anderem auch daran, dass Nachhaltigkeit nicht sofort mit der Geldanlage in Verbindung gebracht wird. Erst durch die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Vorteilen steigt die Relevanz für die Anlageentscheidung. Doch die Kunden zeigen hier grundsätzlich eine hohe Affinität.

Die Geldanlage mit gutem Gewissen steht also nach wie vor am Anfang?

Bauermeister: Es handelt sich zweifellos um ein Wachstumsthema für Banken und Berater. Die Institute positionieren sich hier zunehmend. Das ist aber auch ein schrittweiser Prozess. ESG-Investments umfassen sehr unterschiedliche Dimensionen. Ökologische sowie ethische und soziale Aspekte gewichten die Kunden hoch. Daneben gibt es aber etwa noch das Thema der guten Unternehmensführung. Banken und Produktanbieter prüfen daher zunächst, wo eine wirkliche Nachfrage auszumachen ist und richten ihr Angebot entsprechend aus. Zunächst werden sie sicherlich die Kernfelder mit entsprechenden ESG-Produkten bestücken und danach sukzessive das Angebot erweitern.

Die Präferenzen der Kunden können sehr unterschiedlich sein. Die einen lehnen Atomkraft ab, die anderen Alkohol und Tabak. Wie lässt sich das unter einen Hut bringen?

Bauermeister: Das Thema ist zweifellos sehr vielschichtig. Umso wichtiger ist eine persönliche Beratung, um ein gemeinsames Verständnis herzustellen. Der Berater erfragt bei den Kunden die Vorstellungen und übersetzt ihnen dann, welches Konzept am besten zu ihren Präferenzen passt.

Das erfordert umfangreiche Erklärungen.

Bauermeister: Durchaus. Und Kunden erwarten bei nachhaltigen Anlagen auch ein höheres Maß an Transparenz. Sie hinterfragen stärker, warum ein Titel für einen nachhaltigen Fonds in die Auswahl kam. Nachhaltigkeit eröffnet aber auch eine Riesenchance für die Finanzberatung und die Stärkung der Kundenbeziehung. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass voraussichtlich ab Ende 2021 Kunden im Beratungsgespräch zu ihrer Nachhaltigkeitsneigung befragt werden müssen. Wem es gelingt, mit entlastenden Prozessen und passenden Konzepten den Banken und deren Kunden einen Mehrwert zu liefern, wird mit diesem Thema neue Kundengruppen erschließen können.

Sind die Bankberater Ihrer Einschätzung nach für diese Aufgabe gut gerüstet?

Bauermeister: Die Berater sehen sowohl bei den Kunden, aber auch bei sich selbst einen hohen Aufklärungs- und Schulungsbedarf. Das Thema Nachhaltigkeit muss zudem rechtssicher in den Beratungsprozess aufgenommen und technisch implementiert werden. Zugleich muss die Beratung aber noch kundenorientiert sein, damit die Kunden es nicht als lästige Verpflichtung verstehen. Hier sind auch die Produktanbieter gefordert.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)