Ab Juli liegt der Mehrwertsteuersatz in Deutschland ein halbes Jahr lang nicht mehr bei 19, sondern nur noch bei 16 Prozent. Das soll helfen, den Konsum anzukurbeln und die Rezession zu überwinden. Doch kommt diese Senkung überhaupt bei den Verbrauchern an?

Die Branchen gehen sehr unterschiedlich mit dem Thema um, zeigen diverse Umfragen. Große Lebensmittelketten haben schon angekündigt, die Reduktion eins zu eins an ihre Kunden weitergeben zu wollen. Die meisten Gastronomen dagegen werden die Bruttopreise nicht ändern, sondern sich vielmehr über eine etwas höhere Marge freuen – was sie nach dem monatelangen Lockdown auch gut gebrauchen können. Und wie sieht es im Finanzvertrieb aus? FONDS professionell ONLINE hat sich umgehört.

Keine Steuer auf Provisionen
Für die Kunden sehr vieler Finanzberater ändert sich gar nichts, denn die Vermittlung von Finanzprodukten ist umsatzsteuerfrei. Da auf Provisionen für Fonds oder Versicherungen keine Mehrwertsteuer anfällt, gibt es also auch keine Ersparnis, die weitergegeben werden könnte. Anders sieht es bei Servicegebühren, Beratungshonoraren und Vergütungen für die Vermögensverwaltung aus: Auf diese Dienstleistungen fallen aktuell 19 Prozent Steuer an – bald sind es ein halbes Jahr lang nur noch 16 Prozent.

"Die Honorarberater werden die Mehrwertsteuersenkung in der Regel ihren Kunden weitergeben", sagt Walter Hubel, Vorstand der Honorarberater-Plattform Confee. "Wenn sie für den Honorareinzug einen Dienstleister benutzen, hängt es allerdings davon ab, wie hoch dessen Aufwand für die Umstellung insbesondere bei bereits installierten monatlichen oder vierteljährlichen Betreuungs- und Servicegebühren ist und ob die Berater dafür zur Kasse gebeten werden."

Hubel berichtet für sein Haus von einem "nicht unerheblichen Aufwand" – unterschiedliche Mehrwertsteuersätze seien bei der Programmierung nicht vorgesehen gewesen. "Letztendlich muss die Umstellung aber umgesetzt werden, da in unseren Vergütungsvereinbarungen immer ein Netto-Honorar plus Mehrwertsteuer vereinbart wird und die Berater nicht einfach eine höhere Mehrwertsteuer erheben können."

Die Vermögensverwalter müssen an ihre Buchhaltung ran
Auch bei Kunden der unabhängigen Vermögensverwalter wird die Steuersenkung ankommen. "Die Vergütung wird als prozentualer Wert des verwalteten Vermögens festgelegt. Bei Rechnungserstellung wird diesem Wert der gesetzliche Mehrwertsteuersatz hinzugefügt", erläutert Frank Engel, kaufmännischer Geschäftsführer des Verbands unabhängiger Vermögensverwalter Deutschland (VuV).

Die Umstellung sei nicht mit großem Aufwand verbunden, meint Engel: "Im Portfoliomanagement- oder im CRM-System des Vermögensverwalters kann die Absenkung der Mehrwertsteuer schnell umgesetzt werden, da es sich um eine Grundeinstellung handelt, die dann für alle Kunden automatisch übernommen wird." Allerdings müsse auch der Vermögensverwalter als Unternehmer seine Buchhaltung anpassen – und das könne durchaus aufwändig sein.

Was ist mit Zahlungen, die schon geflossen sind?
Christian Hammer, Geschäftsführer des Haftungsdachs NFS Netfonds, meint, die Umstellung sei für sein Haus "relativ gut" zu bewältigen. "Allerdings stellen sich noch Herausforderungen bei jährlichen Einnahmen und auch Zahlungen, die schon geflossen sind, und Verträgen, deren Leistungszeitraum in diese Periode fällt", sagt er.

Der Maklerpool BCA befindet sich aktuell in der "Planungsphase", wie die Mehrwertsteuersenkung an Kunden der hauseigenen Vermögensverwaltung weitergegeben werden kann. "Oberstes Ziel ist es dabei, dass Anleger den gewünschten monetären Vorteil erhalten", sagt Vorstand Frank Ulbricht. Der Aufwand sei an dieser Stelle "durchaus hoch", so Ulbricht: "So müssen zahlreiche Anlage- und Verwaltungsprozesse sowie bereitgestellte Unterlagen geprüft und etwaig für die Systemumstellung angepasst werden."

Auch die Rechnungen an Berater, die die BCA ausstellt, müssen überprüft werden. "Beispielsweise bieten wir innerhalb unseres Haftungsdaches mehrere mehrwertsteuerbehaftete Gebührenmodelle beziehungsweise Lizenzen an", berichtet der Vorstand. Für Berater, die mit ihren Kunden eine Servicegebühr vereinbart haben, dürfte die Umstellung dagegen meist keine Mehrarbeit bedeuten, meint Ulbricht. Das Serviceentgelt würde in der Regel direkt durch die depotführende Stelle eingezogen, die Vermittler selbst hätten keine Arbeit damit.

Alle Depots sind betroffen
Eine dieser depotführenden Stellen ist die Augsburger Aktienbank. "Grundsätzlich sind alle Depots betroffen, weil die Depotgebühr umsatzsteuerpflichtig ist", berichtet Gabriel von Canal, Generalbevollmächtigter des Instituts. Hinzu kämen die Vermögensverwaltung und weitere Dienstleistungen, etwa das Inkasso der Servicegebühr oder All-In-Fee-Modelle. Insgesamt handele es sich doch um "ein dickes Brett", das es zu bohren gelte. Viel Zeit zur Umsetzung bleibt nicht mehr: In zwei Wochen gilt der neue Steuersatz bereits. (bm)