Die Deutschen sind ein Volk von Aktien-Skeptikern. Nur 16 Prozent der Bundesbürger haben Aktien im Depot. Zum Vergleich: In den USA sind es 54 Prozent. "Beim Thema Aktienkultur ist Deutschland ein Entwicklungsland. Trotz umfangreicher Aufklärungsarbeit verändert sich die Zahl der Aktionäre seit Jahren kaum“, erklärt Nicolas Nonnenmacher, Bereichsleiter bei der Deutschen Börse. Doch woher kommt diese systematische Aktienabstinenz?

Eine gemeinsame Studie der Frankfurt School of Finance and Management und der Goethe-Universität Frankfurt hat sich der spannenden Frage angenommen, warum man in Deutschland seit Jahren vor dem Aktienmarkt zurückschreckt – und kommt zu dem Ergebnis, dass die Deutschen in Bezug auf Aktieninvestments einigen fatalen Irrtümern unterliegen. "Viele glauben beispielsweise, dass sie die Bilanzen der Unternehmen genau lesen und verstehen müssten“, sagt Mitautorin Christine Laudenbach von der Goethe-Universität. Dabei sei dies nach Ansicht der Wissenschaftler gar nicht nötig.

Mögliche Gründe für die geringe Aktienmarktteilnahme in Deutschland
Zustimmung zu 37 Aussagen rund um das Thema Aktienmarktteilnahme

Quelle: Frankfurt School of Finance & Management 

Die Studienautoren haben rund 2.800 Bundesbürger befragt. Ergebnis: Zwei Drittel der Aktien-Abstinenzler halten sich aus chronischer Angst vor Verlusten und Börsencrashs von Aktien fern. Zugegeben: Verluste kommen zwar vor. Generell schätzen Menschen, die keine Aktien besitzen und auch nie besessen haben das Verlustrisiko aber oft falsch – sprich: viel zu hoch – ein.

So stimmten in der Befragung sechs Prozent der Nicht-Aktienbesitzer der (falschen) Aussage zu, dass Einzelaktien weniger riskant seien als ein Investment in einen Aktienfonds. Fast die Hälfte der Nicht-Aktienbesitzer antwortete auf diese Frage mit "weiß nicht". Dieses Ergebnis könne "auf eine systematische Fehleinschätzung von Risiko hindeuten", so die Studienautoren. Die Befragten haben offenbar die Idee hinter einer breiten Streuung nicht verstanden.

Zu wenig Ahnung, zu viel Angst
Als weitere Gründe für ihre Zurückhaltung gaben die Befragten an: Zu wenig Geld, zu geringes Finanzwissen, fehlendes Vertrauen in den Aktienmarkt sowie Angst vor Betrug. Die Studienautoren kommen dementsprechend zu dem Fazit, dass es nicht nur einen einzigen Grund für die Aktienscheu der Deutschen gibt, sondern eine Vielzahl von Gründen. "Jedem steht nun frei, hieraus Maßnahmen abzuleiten, um die Aktienkultur in Deutschland nachhaltig zu verbessern", sagt Nicolas Nonnenmacher, Bereichsleiter bei der Deutschen Börse, die die Studie in Auftrag gegegebn hat.

Die wichtigsten Erkenntnisse der umfassenden Umfrage haben wir in unserer Chartgalerie oben aufbereitet. (fp)


Über die Studie:
Die Ergebnisse der Studie beruhen auf einer für Deutschland nach Alter, Geschlecht und Bundesland repräsentativen Online-Umfrage der You Gov Deutschland GmbH, die im Mai 2019 durchgeführt wurde. Die Auswertung der Umfrage basiert auf 2.761 Teilnehmenden. Davon sind 667 Personen (24 Prozent) Aktienbesitzende und 2.094 (76 Prozent) Nicht-Aktienbesitzende. "Aktienbesitz" umfasst dabei sowohl die Direktanlage in Aktien als auch die Investition in Aktienfonds.