Der Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand wird die gesetzliche Rentenversicherung insbesondere in den 2030er Jahren vor große Herausforderungen stellen, prophezeit das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (Ifa) in der Studie "Thesen zur Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland" im Auftrag von Union Investment. Anhand von Modellrechnungen kommen die Finanzwissenschaftler Jochen Ruß, Alexander Kling und Andreas Seyboth zu dem Schluss, dass man an vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen muss, um weder Beitragszahler noch Rentenempfänger oder Steuerzahler unangemessen zu belasten. Zwei Faktoren dabei für tabu zu erklären, wie es im aktuellen Koalitionsvertrag geschieht (dauerhaftes Mindestrentenniveau von 48 Prozent, temporärer Höchstbeitragssatz von 20 Prozent und die Aussage, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht steigen kann), ist laut Ifa weder zielführend noch generationengerecht.

Tatsächlich werde eine Absenkung des Rentenniveaus unter sowie eine Erhöhung des Beitragssatzes über die aktuell kommunizierten Haltelinien nicht zu vermeiden sein. Es könne lediglich versucht werden, die Veränderungen möglichst moderat zu gestalten. Eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters - idealerweise automatisiert gekoppelt an die Entwicklung der Lebenserwartung - erscheint den Wissenschaftlern in jedem Fall unausweichlich.

Die Herausforderung sei so groß, dass eine Diskussion angebracht ist, ob das Ziel der gesetzlichen Rente weiterhin primär darin bestehen soll, jedem Menschen einen gewissen Anteil seines bisherigen Lebensstandards abzusichern, oder ob das Ziel, Altersarmut zu vermeiden, künftig ein höheres Gewicht erhalten soll. Diese Diskussion muss in der Politik geführt werden, so das Ifa. Sollte der Vermeidung von Altersarmut künftig ein höherer Stellenwert beigemessen werden, seien auch Reformen für eine dezidierte Erhöhung niedriger Renten nötig.

Bundesregierung von Projektionsrechnung 2020 schon eingeholt
Das Ifa erinnert daran, was eine Projektionsrechnung der alten Bundesregierung 2020 ergeben hatte: Demnach fällt das Sicherungsniveau bis 2045 um fünf Prozentpunkte auf 43,2 Prozent, während der Beitragssatz um über vier Prozentpunkte auf 22,9 steigt. Zusätzlich steigen die Bundesmittel für die gesetzliche Rente um über 140 Prozent auf dann 213,2 Milliarden Euro pro Jahr an.

Nach dieser Projektion fällt das Sicherungsniveau schon 2026 unter 48 Prozent, obwohl der Koalitionsvertrag angekündigt hat, 48 Prozent dauerhaft zu sichern. Demnach müssten Beiträge und/oder Bundesmittel noch deutlich stärker steigen, sofern nicht an anderen Stellschrauben gedreht wird, insbesondere der Anhebung der Regelaltersgrenze, einer Anhebung der unteren Rentenniveaus, der weiteren Anpassung der Rentenformel sowie einer Ausweitung der Kapitaldeckung.

Zusammenspiel zwischen Umlage und Kapitaldeckung
Umlageverfahren und Kapitaldeckung sind anfällig für unterschiedliche Risiken – "Eine Debatte, welches System 'besser' ist, ist daher nicht zielführend", schreibt das Ifa. Stattdessen gelte es, Risiken zu streuen, indem man beide Systeme parallel nutzt und sinnvoll aufeinander abstimmt.

Mehr Kapitaldeckung sei erstrebenswert. Hierfür stellt der im Koalitionsvertrag vorgesehene Kapitalstock für die gesetzliche Rentenversicherung einen sinnvollen ersten Schritt dar, der "möglichst bald erfolgen sollte". Weitere müssten folgen, insbesondere ein "rasch signifikant größeres Ausmaß" als der im Koalitionsvertrag vorgesehene erste Schritt eines Kapitalstocks von 10 Milliarden Euro.

Kapitaldeckung braucht Zeit, um Wirkung zu entfalten. "Die Länder, die in der aktuellen Diskussion als Vorbild genannt werden, profitieren heute davon, dass sie rechtzeitig auf die Warnungen von Wissenschaftlern reagiert und den Einstieg in die Kapitaldeckung bereits vor langer Zeit vorgenommen haben", erinnert das Institut. Entsprechend würden auch bei uns erst spätere Generationen von einem heutigen Einstieg profitieren. "Die Herausforderungen der 2030er Jahre können hiermit nicht gelöst werden", so die Einschätzung. Dafür seien andere Reformen innerhalb der Umlage nötig (Abschied von dauerhaften Haltelinien, Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung).

Existierende kapitalgedeckte Systeme stärken
Weil Kapitaldeckung Zeit braucht, ist ein kapitalgedecktes System wie die Riester-Rente, in dem bereits über Jahre Kapital angespart wurde, ein wertvolles Gut, so das Ifa. Zudem sei die staatliche Förderung bei der Riester-Rente sehr gut dazu geeignet, die Schere zwischen Arm und Reich zu verringern. Die aktuelle Diskussion um die Riester-Rente führte allerdings zu einem Verlust des Vertrauens, das dringend wiederhergestellt werden muss.

Eine Stärkung der Riester-Rente sei mit wenigen, einfachen Maßnahmen möglich: Die Anforderung einer Garantie von 100 Prozent der eingezahlten Beiträge muss reduziert und das Zulagenverfahren vereinfacht werden. Das gelte sinngemäß auch die bAV, wo die 100-Prozent-Bruttobeitragsgarantie ebenfalls hinderlich ist. Dazu hatte das Ifa bereits im Vorjahr Studien im Auftrag von Union Investment und der Allianz vorgelegt.

Staat nur als Schiedsrichter bei Kapitaldeckung in dritter Schicht
Wenn der Staat selbst als "Spieler" organisierter kapitalgedeckter Altersvorsorge auftritt, so gehe dies laut Ifa mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen einher. Da manche dieser Risiken und Nebenwirkungen außerhalb der ersten Säule besonders stark ausgeprägt sind, tritt der Staat in den oft zitierten Beispielen aus anderen Ländern lediglich in der ersten Säule als Spieler auf.

Auch in Deutschland sollte er sich deshalb außerhalb der ersten Säule auf die Rolle als "Schiedsrichter" beschränken, fordert das Ifa. Insbesondere sollten existierende privatwirtschaftlich organisierte kapitalgedeckte Systeme gestärkt werden, wo bereits signifikante Beträge angespart wurden. Ein neues System würde für vergleichbare Ansparsummen sehr viel Zeit benötigen, "die wir inzwischen nicht mehr haben", so die Wissenschaftler. (dpo)


Die Ifa-Studie steht hier (externer Link) zum kostenlosen Download bereit.