Als die Stiftung Warentest Anfang der 1990er-Jahre eine Studie dazu erstellte, ob Frauen in der Anlageberatung anders behandelt werden als Männer, war das Ergebnis eindeutig: Sie wurden damals meist deutlich schlechter beraten als männliche Kunden. Inzwischen ist das längst anders. Gut informierte junge Frauen sprechen ihren Berater von sich aus auf ETFs an. Die Finanzprofis selbst haben erkannt, dass Kundinnen ebenso ernst zu nehmen sind wie männliche Anleger. Und deshalb benötigt eine Frau auch keine andere Anlageberatung als ein Mann. "Zielgruppe Frau" – das ist doch ein reines Klischee. Oder?

"Nein", sagt Renate Kewenig, Inhaberin des Unternehmens Finanzverstand aus Rheinbach. "Es ist kein Klischee, dass Frauen eine andere Art der Finanzberatung brauchen als Männer", konstatiert sie. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Hauptursache ist aber darin zu sehen, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, auch ihre Berufs- und Lebensplanung sieht anders aus. Sie unterbrechen ihre berufliche Laufbahn auch heute noch öfter und länger, um Elternzeit zu nehmen und später in Teilzeit zu arbeiten, damit sie sich um die Kinder kümmern können. Auch im Fall einer Trennung bleibt der Nachwuchs häufiger bei den Müttern, die dann oft nicht voll berufstätig sein können.

Lebenssituation richtig abbilden
"Solche Erwerbsunterbrechungen und entsprechend geringere Rentenansprüche müssen in der Anlageberatung berücksichtigt werden", sagt Mechthild Upgang, Finanzberaterin aus Bonn. Zwar benötigten Frauen keine spezielle Anlage- oder Altersvorsorgeprodukte, wie zuweilen behauptet wird. Wichtig sei aber, dass Produkte so gewählt werden, dass sie die Lebenssituation auch richtig abbilden. 

Das Problem dabei: Männlichen Finanzprofis ist dies aufgrund ihrer anderen Lebensrealität oft nicht bewusst. "Für einen jungen Finanzberater ist die durchgängige Erwerbsbiografie in der Regel die Normalität", so Upgang. Beraterinnen hingegen wüssten, oft auch aus eigener Erfahrung, dass die berufliche Laufbahn von Frauen meist nicht ohne Unterbrechungen verläuft, sie seien für dieses Thema sensibilisiert und würden es daher einbeziehen.

Auch junge Frauen wünschen Beratung 
Und wie sieht es für Finanzberaterinnen aus, die sich gern auf die "Zielgruppe Frau" spezialisieren möchten? "Sehr gut", sagt Mechthild Upgang. Sie habe viele junge Kundinnen, die trotz Vorbildung über das Internet großes Interesse an persönlicher Finanzberatung zeigen. "Jungen Frauen mit einer guten Ausbildung, die gern in der Finanzberatung für Frauen Fuß fassen möchten, stehen derzeit alle Türen offen", sagt sie. Ganz anders als Anfang der 1990er-Jahre. (am)


Einen ausführlichen Bericht darüber, warum eine Spezialisierung auf die "Zielgruppe Frau" gerade für Finanzberaterinnen von Vorteil sein kann, finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2020 von FONDS professionell ab Seite 302. Der Beitrag ist auch hier im E-Magazin zu lesen (Anmeldung erforderlich).