Bei der Anhörung einiger Sachverständigen vor dem Finanzausschuss dieser Woche ging es einmal mehr um die Frage, wie man Kapitalanlageprodukte richtig prospektiert. Hintergrund ist der von der Bundesregierung vorgelegte Entwurf eines „Gesetzes zur weiteren Ausführung der EU-Prospektverordnung und zur Änderung von Finanzmarktgesetzen“ und insbesondere um die möglichen Ausnahmen von der Prospektpflicht (Bundestagsdrucksache 19/8005). Dabei wurden einmal mehr die bekannten Positionen einander gegenüber gestellt. Die Anbieterseite will die Schwelle, ab der ein Prospekt erstellt und von der Bafin freigegeben werden muss, möglichst hoch setzen, Anlegerschützer möglichst niedrig.

Möglicherweise steht bei jeder Prospektverordnung jedoch ein Gedanke Pate, der generell in die Irre führt. Er basiert auf der Illusion, dass Prospekte gelesen und verstanden würden und dass die Beschreibung von Risiken eine Versicherung gegen sie sei. Dass Prospekte in der Regel unverständlich sind, liegt daran, dass sie Haftungsgrundlage für den Streitfall sind. Sie werden von den Juristen der Anbieter geschrieben und erfordern per se eine Art der Lektüre, die nicht voraussetzungsfrei betrieben werden kann.

Die Frage, ab welchem Emissionsvolumen ein Prospekt erforderlich ist, geht daher am eigentlichen Problem vorbei. Ein Beispiel aus der jüngeren Prospektierungspraxis: Exporo erstellt derzeit für einige Anleihen WpHG-konforme Wertpapierprospekte im Umfang von 60 bis 70 Seiten, obwohl das emittierte Volumen zum Teil weit unter der 8-Millionen-Euro-Schwelle liegt, die erst eine Prospektpflicht auslöst. Warum? Weil die derzeitige Abstimmung mit der Bafin über die gestattungsfähige Form eines Wertpapier-Informationsblatts länger dauert als deren Freigabe eines 20 mal so umfangreichen Prospekts. Salopp gesprochen: Auch bei muskulös daherkommenden WpHG-Prospekten handelt es sich um textbausteinbasierte, mengenskalierbare und über weite Strecken redundante Erzeugnisse. Best digital practice.

Prospekte werden im Hinblick darauf, dass Anleger eine plausible Darstellung der wirtschaftlichen Aussichten von zum Zeitpunkt der Zeichnung ergebnisoffenen Geschäftsmodellen brauchen, völlig überschätzt. Allzu oft spielt sowohl in Prospekten als auch in den alternativen Informationsblättern die Beschreibung wesentlicher Erfolgsfaktoren keine oder eine viel zu geringe Rolle, von einer jeweiligen Bewertung im Hinblick auf ihre Umsetzung ganz zu schweigen.

Und was müsste drinstehen? Einschlägige Erfahrungsnachweise des Emittenten, eine nachvollziehbare Darstellung seiner eigenen Interessenslage, sprich wie viel self commitment ist von ihm drin und Informationen, die dem Anleger ein Urteil darüber ermöglichen, ob die Kalkulation ausgewogen ist oder auf unrealistischen Annahmen basiert.

Das wäre mal eine Gesetzesinitiative …

Eine gute Woche wünscht
Tilman Welther