Börsengang. Der verschobene Börsengang der Juragent AG soll in diesem Monat über die Bühne gehen. Die Bafin hat den 164 Seiten umfassenden Prospekt genehmigt, der Prospekt ist auf der Internetseite von Juragent veröffentlicht. Gegenstand dieses Prospekts ist das öffentliche Angebot sämtlicher 2.045.200 auf den Inhaber lautenden Stückaktien der Juragent AG mit einem anteiligen Betrag am Grundkapital von einem Euro pro Aktie. Die Handelsaufnahme im Entry Standard der Frankfurter Wertpapierbörse soll am 16. August erfolgen. Eine Kapitalerhöhung ist nicht vorgesehen. Juragent will sich den „Zugang für die künftige Kapitalbeschaffung“ erleichtern.

Schneeballsystem. Im Börsenprospekt heißt es auf Seite 18: „Um auch in Zukunft die Geschäftstätigkeit fortführen zu können, müssen fortlaufend weitere Prozessfinanzierungsfonds aufgelegt und bei den Anlegern platziert oder Prozesse unmittelbar von der Gesellschaft finanziert werden.“ Besser lässt sich ein Schneeballsystem kaum zusammenfassen. Können ohne Neugeschäft bestehende Fonds tatsächlich nicht mehr bedient werden? Auf Nachfrage teilt Juragent mit: „Nach aktuellem Stand kann die Geschäftstätigkeit ohne weitere Fonds für die bereits aufgelegten Fonds zu Ende geführt werden. Werden keine weiteren Fonds aufgelegt, muss die AG das Eigengeschäft wieder aufnehmen.“

Interessenskonflikt. Auf Seite 27 des Börsenprospekts erwähnt Juragent: „Mit fortschreitendem Vertrieb des Prozesskostenfonds 3 entschied der Vorstand Anfang August 2005, keine neuen „eigenen“ Verfahren mehr zu finanzieren, sondern die gesamte Tätigkeit der Gesellschaft auf die Geschäftsbesorgung für die Fonds auszurichten.“ Bis August 2005 drohte demnach ein erheblicher Interessenskonflikt. Die Gefahr war groß, dass Juragent lukrativ erscheinende Prozesse auf eigene Rechnung finanziert. Dabei hat Juragent Mühe, überhaupt ausreichend Prozesse für die mittlerweile vier aufgelegten Fonds zu akquirieren. Auf Nachfrage heißt es seitens Juragent, faktisch habe sich Juragent schon nach Schließung des ersten Fonds aus dem Eigengeschäft zurückgezogen. Die Entscheidung vom August 2005 habe der Klarstellung der operativen Abgrenzung gedient. Der Börsenprospekt – und der allein ist letztendlich ausschlaggebend – deutet auf diese Interpretation keineswegs hin.

Zielverfehlung. Auf der jüngsten Gesellschafterversammlung des Prozesskostenfonds 3 im Juni teilte Juragent den Anlegern mit, dass nur knapp 17 Millionen Euro Streitwert unter Vertrag stehen. Dabei steht im Fondsprospekt: „Die Geschäftsbesorgungsgesellschaft sichert dem Fonds zu, bis zum Ablauf des 31. Dezember 2005 oder zeitnah Streitwerte von insgesamt 300 Millionen Euro oder mehr akquiriert zu haben.“ Zum Ende des Geschäftsjahres 2007 ist die Emission eines weiteren Prozesskostenfonds geplant, heißt es im Prospekt. Dabei hatte Juragent Ende Juni auf Nachfrage noch mitgeteilt, den Anfang des Jahres noch für 2007 eingeplanten Prozesskostenfonds 5 zumindest in diesem Jahr nicht mehr auflegen zu wollen.

Fehlprognose. Auf Seite 41 des Börsenprospekts ist zu lesen: „Die Entwicklung der erfolgreichen Beendigung der Prozesse ist gemessen an den Erwartungen und Planungen noch deutlich steigerungsfähig. Es zeigt sich, dass die Zeit bis zur endgültigen Entscheidung der Sachverhalte zu optimistisch geplant war, so dass insgesamt nicht der zu Beginn des Jahres erhoffte und geplante Erlös realisiert werden konnte.“ Bislang argumentiert Juragent allerdings auch, dass längere Prozesslaufzeiten als ursprünglich geplant nichts an den Aussagen über die Performance der Fonds ändern.

fondstelegramm-Meinung. Juragent verstrickt sich zunehmend in Widersprüche. Wenn sich prognostizierte Rückflüsse – wie im Fall Juragent – deutlich nach hinten verlagern, hat die Verzögerung sehr wohl Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Fonds. Die bislang getätigten Ausschüttungen wären ohne Vorschuss der Geschäftsbesorgerin gar nicht möglich gewesen und sind von den Fonds keineswegs selbst erwirtschaftet worden. Für den Fall, dass keine oder wesentlich weniger als die geplanten Rückflüsse aus den Prozessen fließen, müssten die Anleger ihre Ausschüttungen wieder an Juragent zurückzahlen. Offen bleibt, inwiefern Anleger auf dieses haftungsrelevante Risiko hingewiesen wurden.
Die Grenzen der Bafin-Prospektprüfung treten am Beispiel Juragent offen zutage. Wer den Prospekt auf inhaltliche Aspekte prüft und Hintergründe zu Juragent kennt, wird für den geplanten Börsengang des Initiators kaum Verständnis aufbringen.

Anlegern, die gegen Juragent klagen wollen, liefert der Börsenprospekt stichhaltige Argumente.