Vor dem Landgericht Hamburg wurde am vergangenen Donnerstag (3.9.) ein Verfahren gegen die Rechtsanwaltskanzlei Bird & Bird eröffnet (Az.: 327 0 334/15), wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtet. Anwälte der Kanzlei sollen dem damaligen Firmenchef von Wölbern im Zusammenhang mit einem 2011 aufgesetzten "Liquiditätsmanagement-System", ermöglicht haben, 147 Millionen Euro aus Publikumsfonds für seine Privatzwecke abzuzweigen. Bis zu 40.000 Privatanleger haben in die betroffenen Fonds investiert.

Tjark Thies, Insolvenzverwalter der Wölbern Invest, und 30 Wölbern-Fondsgesellschaften hatten Ende 2014 Klage auf Schadenersatz in Höhe von mindestens 130 Millionen Euro eingereicht. Zunächst wurde aber ein Strafverfahren gegen den früheren Firmenchef verhandelt. 2015 wurde er wegen Untreue zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Strafverfahren gegen einen Generalbevollmächtigten von Wölbern wurde mit einer Bewährungsstrafe beendet, Strafverfahren gegen Anwälte der Kanzlei Bird & Bird wurden gegen Geldzahlungen eingestellt. Mehr als fünf Jahre nach Erhebung der Klage wird nun die zivilrechtliche Seite aufgerollt – und die Rolle der beratenden Kanzlei gerichtlich geklärt.

Eine Haftung ist dem Grund nach gegeben, sagt die Kammer
Mehrere Anwälte der Kanzlei Bird & Bird, so die FAZ, sollen das "Liquiditätsmanagement-System", Instrument des erheblichen Mittelabflusses, als "juristisch einwandfrei" abgesegnet haben. Zwei frühere Partner und ein noch aktiver Counsel der Kanzlei sollen damit, schreibt die Zeitung, ihre anwaltlichen Pflichten verletzt und damit die "Veruntreuung im großen Stil" ermöglicht haben.

Die Vorsitzende Richterin Stephanie Zöllner habe die vorgesehenen Sicherheiten als "nicht banküblich" bezeichnet und gesagt, dass bei einem Anwalt eigentlich "rote Lampen" hätten angehen müssen, ist einem FONDS professionell ONLINE vorliegenden Protokoll zu entnehmen, das Beobachter des Prozessauftakts verfasst haben. Danach halte die Kammer eine Haftung der Kanzlei für dem Grund nach gegeben. Bird & Bird wollte sich auf Anfrage von FONDS professionell ONLINE zum Verfahren nicht äußern.

Der Anwalt der Kanzlei hatte einen Vergleich abgelehnt
Christoph Schmidt, Fondsanleger und Geschäftsführer des Polen-Fonds von Wölbern, dem die Daimler-Niederlassung in Warschau gehört, hatte die Klage maßgeblich mit angeschoben. Dass der Anwalt von Bird & Bird einen Vergleich abgelehnt habe, so Schmidt, könnte ein "Fehler" gewesen sein. Denn weil die Richterin den möglichen Schaden bereits auf mindestens 100 Millionen Euro beziffert habe, sei eine Marke gesetzt, hinter die man eigentlich nicht mehr zurück könne. (tw)