Die Stuttgarter Leben setzt stark auf die Altersvorsorge und den Maklervertrieb. Das bAV-Geschäft des mittelständischen Versicherers verantwortet seit vielen Jahren Henriette Meissner, die sich auch im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung engagiert und an der Hochschule Koblenz angehende bAV-Betriebswirte unterrichtet. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE äußert sie sich zu Themen, die im Vorfeld der Bundestagswahl breit diskutiert werden: Riester-Rente, Altersvorsorge in der Niedrigzinsphase, Bürgerfonds und Provisionsdeckel.


Frau Meissner, was muss sich nach der Bundestagswahl ändern, um die bAV als politisch gewollte Ergänzung zur gesetzlichen Rente nicht weiter zu schwächen?

Henriette Meissner: Die Niedrigzins- oder über weite Strecken Minuszinsphase, die politisch gewollt und zementiert ist, weil das mit Blick auf die Staatsverschuldung auch für Deutschland vorteilhaft ist, muss Konsequenzen auch für die gesetzlich normierten Garantien in der Altersversorgung haben. Eine 100-Prozent-Garantie ist mit einem Rechnungszins von 0,25 Prozent und einer Anlage in niedrigverzinsliche Anleihen nicht mehr abbildbar. Daher sehen wir schon jetzt, dass das Angebot an Riester-Renten und Beitragszusagen mit Mindestleistung austrocknet. Eine dringende Forderung an die Politik ist und bleibt also, die gesetzlich vorgeschriebenen Garantien entsprechend zu flexibilisieren.

Stirbt die Riester-Rente letztlich einen stillen Tod?

Meissner: Ich hoffe nicht, im Gegenteil: Die Riester-Förderung sollte gestärkt werden. Denn diese Förderung ist sehr zielgenau und erreicht genau diejenigen, die auf staatliche Förderung angewiesen sind. Das gilt auch für die Niedrigverdiener-Förderung nach Paragraf 100 Betriebsrentengesetz für alle bis 2.575 Euro Bruttoeinkommen. Auch diese Förderung sollte als zielgenauer Ansatz nochmals verbessert werden, zum Beispiel durch Einführung einer dynamischen Einkommensgrenze für Geringverdiener oder mehr Förderung für den Arbeitgeber.

Die Regeln für die bAV ändern sich immer wieder. Wie sähe aber eine echte Reform der Betriebsrente aus?

Meissner: Die Betriebsrente ist schon heute eine der effizientesten Formen der Altersversorgung und wird von vielen Firmen genutzt. Was wir gar nicht brauchen, sind hektische Betriebsamkeit oder neue Kostentreiber. Es fällt mir allerdings immer wieder auf, dass die Grundvoraussetzungen für ein Engagement des Arbeitgebers, nämlich Transparenz und Planbarkeit, wegen immer wieder überraschender Rechtsprechung oder durch vergessene Anpassung von Rahmenbedingungen torpediert werden. Gerade für kleine und mittelständische Arbeitgeber, die häufig die Direktversicherung nutzen, sollte der Rahmen möglichst rechtssicher normiert und regelmäßig überprüft werden. Und dort, wo größere Arbeitgeber häufig sehr gute Betriebsrenten mit Pensionszusagen anbieten, haben sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren deutlich verschlechtert – als Stichwort sei nur der Anstieg der Rückstellungen in den Bilanzen aufgrund der Niedrigzinsphase und die Absenkung des Rechnungszinses nach Paragraf 6a Einkommensteuergesetz genannt. Hier muss nachgebessert werden. Es kommt nicht nur auf eine flächendeckende, sondern auf eine gute flächendeckende Versorgung an.

Wäre strategisch für die bAV angesichts dauerhafter Niedrigzinsen nicht eine reine Beitragszusage der ideale Problemlöser, so wie das "Sozialpartnermodell" es vorsieht?

Meissner: In einer andauernden Niedrigzinsphase ist es wichtig, dass Sicherheit und Rendite anders als bisher austariert werden. Das Sozialpartnermodell ist im Grunde ein richtiger Schritt. "Das Rentenwerk", ein Konsortium von Anbietern, zu dem auch die Stuttgarter gehört, hat Angebote aufgelegt. Unsere Simulationen zeigen, dass damit dauerhaft deutlich höhere Renten möglich sind. Gleichzeitig können wir durch verschiedene Mechanismen eine hohe Sicherheit erzeugen, dass Renten nicht abgesenkt werden müssen. Das ist sehr innovativ und muss vom Markt erst flächendeckend verstanden und akzeptiert werden.

Bisher gibt es in der Praxis aber kaum reine Beitragszusagen!

Meissner: Ja, leider. In einem ersten Schritt ist daher eine Flexibilisierung der Garantien, die wir gerade am Markt sehen, sehr sinnvoll. In Deutschland, wo das Thema Sicherheit seit Jahrzehnten einen sehr hohen Stellenwert hat, muss das Absenken von Garantien langsam angegangen und vor allem den Kunden vermittelt werden. Dafür sind die Versicherungsvermittler unser wichtigstes Scharnier.

Weil die Reform der Riester-Rente scheiterte, sehen viele die Zeit reif für einen staatlich organisierten Bürgerfonds. Was halten Sie davon?

Meissner: In dieser Legislatur wollte niemand die Kernfrage der Altersversorgung in der Niedrigzinsphase ernsthaft angehen, nämlich das Absenken von Garantien. Alle neuen Modelle, die gerade durch den Raum wabern, streichen die Garantie komplett, schweigen zur Rentenphase und setzen auf aktienorientierte Anlage. Die Versicherungs- und Finanzbranche möchte flexiblere Garantien und höhere aktienorientierte Anlagemöglichkeiten in Verbindung mit Modellen, die auch die Rentenphase abdecken – letzteres wird bisher in den Vorschlägen zu Staatsfonds vernachlässigt. Letztlich muss die Rentenphase sichergestellt sein, und das können Versicherer sehr versiert.

Also ist kein Bürgerfonds nötig?

Meissner: Genau. Es gibt nämlich schon eine funktionierende Infrastruktur für die kollektive Geldanlage – ein Bürgerfonds müsste diese erst aufbauen, und das kostet Geld. Apropos Geld: Es ist ja kein Automatismus, dass aktienorientierte Geldanlage immer zu hervorragenden Renditen führt. Dazu bedarf es einer professionellen Kapitalanlage, die auch schwierige Börsenphasen bewältigt. Oder soll dann plötzlich eine Staatshaftung greifen, damit es kein Reputationsproblem für die Politik gibt? Das würde in die Grundfesten dieser Modelle eingreifen und zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung sowie einem enormen Kostenanstieg führen. Zu den Riester-Kosten: Kostentreibend ist vor allem die staatliche Verwaltung. Für die Zukunft gilt daher: Weniger Bürokratie wagen!

Auch die Lebensversicherer müssen ihre Kosten weiter senken, damit eine rentierliche Altersvorsorge möglich bleibt. Hilft dabei ein Provisionsdeckel?

Meissner: Die Lebensversicherer haben intensiv an ihren Kosten gearbeitet. Lassen Sie mich die Frage zurückspielen: Wie kann die Politik daran arbeiten, den Bürokratieaufwand in diesem Bereich abzubauen? Die Regulierung verursacht ständig höheren Aufwand, aber alle Branchen brauchen weniger Bürokratie, die ja die Kosten treibt. Auch ein Provisionsdeckel wäre kontraproduktiv. Ist es nicht geradezu ein Vorteil, dass wir in Deutschland für jeden, der das möchte, qualifizierte Berater für die Altersvorsorge haben – unabhängig vom Einkommen? Wir sollten darauf fokussieren, dass dieses Beratungsangebot für alle erhalten bleibt. Das Negativbeispiel ist Großbritannien. Nach Abschaffung der Provisionsberatung hat sich dort sehr schnell herausgestellt, dass sich nur noch Bestverdiener eine qualifizierte Honorarberatung leisten können.

Zum Schluss ein weiteres Reizthema: Die Digitalisierung schreitet auch in der Assekuranz rasant voran. Macht sie bald auch in der bAV den Berater überflüssig?

Meissner: Bei komplexen Prozessen wie der Altersversorgung ist die persönliche Beratung wichtig, die gleichzeitig immer hybrider wird. Die Pandemie hat das beschleunigt, und zwar bei Beratern und Kunden. So werden persönliche Termine auch per Videoberatung wahrgenommen, die digitale Unterschrift ist mittlerweile weithin akzeptiert und insgesamt wird die Beratung digitaler. Ganze Antragsstrecken, aber auch die Verwaltung in Form von Arbeitgeberportalen, sind mittlerweile digital möglich. Der Trend "bAV goes digital" ist voll in Fahrt – mittendrin die unabhängigen Vermittler.

Vielen Dank für das Gespräch. (dpo)


Ein ausführliches Interview mit Henriette Meissner lesen Sie in Ausgabe 3/2021 von FONDS professionell, die Ende September erscheint.