Torsten Uhlig, Jahrgang 1966, startete nach Abitur und Lehre 1991 im Vertrieb der Signal. Mit 33 Jahren wurde er jüngster Filialdirektor der Signal Iduna. 2005 wechselte er als Bereichsleiter Marketing in die Dortmunder Zentrale und rückte später in den Vorstand mehrerer Tochtergesellschaften vor. Seit Juli 2019 verantwortet Uhlig im Konzernvorstand Vertrieb, Vertriebsservice, Außendienstorganisation, Marketing und Unternehmensverbindungen. FONDS professionell traf ihn den Dortmunder Signal-Iduna-Büros zum Interview.


Herr Uhlig, was muss sich jetzt nach der Bundestagswahl ändern, um die bAV als politisch gewollte Ergänzung zur gesetzlichen Rente nicht weiter zu schwächen?

Torsten Uhlig: Insbesondere bei kleinen und mittleren Unternehmen sind noch lange nicht alle Potenziale ausgeschöpft. Von der Politik wünschen wir uns Impulse für eine attraktivere und weniger komplexe bAV. Dringend erforderlich wäre es, das Garantieniveau in der bAV und bei Riester gesetzlich abzusenken. Wenn das Sozialpartnermodell ohne Garantien weiterhin abgelehnt wird, könnte eine Zusage mit einem abgesenktem Garantieniveau eine gute Alternative sein. Man darf nicht vergessen: Insgesamt ermöglicht die bAV eine Rendite, die keine andere Form der Altersvorsorge bietet.

Wie sähe eine echte Reform der Betriebsrente aus?

Uhlig: Mit der Einführung des Betriebsrentenstärkungsgesetzes hat die Politik 2018 ein starkes Zeichen für den Aus- und Aufbau der bAV gesetzt. Die Entwicklung ist seitdem positiv, bleibt aber weiter hinter den hohen Erwartungen zurück. Ein Grund hierfür ist sicherlich die nach wie vor hohe Komplexität. Zudem hat gerade die bAV mit dem Niedrigzinsumfeld zu kämpfen. Mit Vereinfachungen und einer gesetzlichen Lockerung der Garantieanforderungen hätte man starke Hebel, sie wieder attraktiver zu machen.

Wäre strategisch für die bAV angesichts dauerhafter Niedrigzinsen nicht eine reine Beitragszusage der ideale Problemlöser, so wie das Sozialpartnermodell es vorsieht?

Uhlig: Grundsätzlich ist die reine Beitragszusage eine interessante Alternative. In der aktuellen Gestaltung ist das Sozialpartnermodel nach anfänglich großer Aufmerksamkeit weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Unsere Erfahrung zeigt, dass dieses Modell sehr komplex und mit großen Hürden in der Ansprache verbunden ist. Außerdem sind die vom Gesetzgeber untersagten Garantien ein Knackpunkt – gerade auf Gewerkschafts- und Arbeitnehmerseite. Aus Renditegesichtspunkten bietet die reine Beitragszusage ohne Garantien jedoch die größten Freiräume für eine flexible und chancenorientierte Kapitalanlage.

Stirbt die Riester-Rente letztlich einen stillen Tod?

Uhlig: Die eingezahlten Eigenbeiträge und staatliche Zulagen müssen bei einem Riester-Produkt zu 100 Prozent garantiert werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Wenn der Versicherer nur mit 0,25 Prozent Zins kalkulieren darf, ist es sehr schwer, das zu garantieren und zugleich die Kosten zu decken. Riester-Produkte sind besonders verwaltungsintensiv, allein schon durch die Zulagenverwaltung. Die Politik muss handeln und die Garantievorgaben anpassen. Vorschläge der Lebensversicherer dazu liegen auf dem Tisch. Wenn sich nichts ändert, wird die Riester-Rente zum Auslaufmodell.

Weil die Reform der Riester-Rente scheiterte, sehen viele die Zeit reif für einen staatlich organisierten Bürgerfonds. Was halten Sie davon?

Uhlig: Wir plädieren vor allem für umfassende, eigenverantwortliche und privatwirtschaftliche Lösungen. Ein staatlich organisierter Fonds kann als Einstieg in die Kapitaldeckung für die Altersvorsorge hilfreich sein, wirkt aber allenfalls langfristig. Der in den Koalitionsverhandlungen genannte Startbetrag von zehn Milliarden Euro als Kapitalstock ist viel zu niedrig. Rentenexperten gehen davon aus, dass mehrere 100 Milliarden nötig wären. Was "der Staat" bei der Organisation eines Bürgerfonds besser machen kann als die privatwirtschaftlich agierenden Experten, erschließt sich mir nicht. Hier sollte – wenn sich dieser Ansatz erhärtet – gemeinsam ein vernünftiger Weg gefunden werden.

Die Lebensversicherer müssen ihre Kosten weiter senken, damit eine rentierliche Altersvorsorge möglich bleibt. Hilft dabei ein Provisionsdeckel?

Uhlig: Auf Basis der gezillmerten Abschlussvergütungen sehen wir hier keine direkte Auswirkung auf die Rentabilität einer Altersvorsorge. Ein Deckel soll aus unserer Sicht eher Ausreißer und Fehlsteuerungen vermeiden. Denn eines ist sicher: Für den individuellen Aufbau der Altersversorgung wird auch in Zukunft eine Beratungsleistung erbracht werden. Beratung muss sich zwingend auch wirtschaftlich lohnen können. Wer glaubt, dass dies gratis funktioniert, irrt gewaltig.

Vielen Dank für das Gespräch. (dpo)


Ein ausführliches Interview mit Torsten Uhlig lesen Sie in Ausgabe 4/2021 von FONDS professionell, die Ende November erscheint.