Durchschnittlich jeder Vierte wird mindestens einmal in seinem Arbeitsleben berufsunfähig. Gleichzeitig bleibt dieses Risiko eine der größten finanziellen und zugleich stark unterschätzten Gefahren. "Ohne Absicherung sind das für die meisten kaum zu kompensierende Einschnitte im Haushaltseinkommen und für Alleinverdiener oder Singles kann das sogar den Ruin bedeuten", fasste Herbert Schneidemann die Situation am Donnerstag (8. Juli) in einem virtuellen Fachgespräch der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) zusammen.

"Die Menschen versichern ihr Smartphone, aber nicht ihre Arbeitskraft und damit ihre Existenzgrundlage", betont der DAV-Vorstandsvorsitzende, im Hauptberuf Vorstandschef der der Bayerischen Versicherungsgruppe. Nach Branchendaten gab es 2019 nur rund 17 Millionen BU-Policen – bei über 45 Millionen Erwerbstätigen.

Psychische Erkrankungen treiben das BU-Risiko
Nach einer jetzt vorgestellten DAV-Untersuchung hat das BU-Risiko teilweise zugenommen. So haben Frauen bis zu ihrem 40. Geburtstag im Vergleich zur Untersuchung von vor 20 Jahren ein um 30 Prozent erhöhtes BU-Risiko. In dieser Gruppe seien erheblich mehr Schadenfälle aufgrund psychischer Erkrankungen festzustellen. Bei Männern gibt es in dieser Altersgruppe keine signifikanten Veränderungen.

Erfreulich sei die Entwicklung bei beiden Geschlechtern ab 40 Jahre aufwärts. Die BU-Wahrscheinlichkeit bei Frauen sank um 36 Prozent, die bei Männern sogar um 45 Prozent. Grund: Generell sinken die körperlichen Anforderungen in vielen Berufen. "Dieser positive Trend überkompensiert die auch in dieser Altersklasse gestiegene Zahl der BU-Fälle durch psychische Erkrankungen", urteilt Schneidemann. Insgesamt resultiert derzeit beinahe jeder dritte BU-Leistungsfall (31,88 Prozent) laut einer Untersuchung von Morgen & Morgen aus psychischen Erkrankungen. Noch vor zehn Jahren waren es erst 20 Prozent.

Warum die Aktuare eine neue Tafel zur Kalkulation vorlegen
Die DAV-Untersuchung zeigt: Versicherte kehren nach einer BU-Erkrankung schneller in den Beruf zurück. 19 Prozent nehmen binnen der ersten 24 Monate wieder ihre zuletzt ausgeübte Tätigkeit auf - vor 20 Jahren waren es nur elf Prozent. Anders verhält es sich aber bei Kunden, die drei bis zehn Jahre berufsunfähig sind. Während nach der DAV-Tafel 1997 I rund 26 Prozent der Invaliden in diesem Zeitraum in den Job zurückkehrten, sind es nach der neuen DAV-Tafel nur noch 16 Prozent.

Datenbasis der neuen BU-Tafel sind die Jahre 2011 bis 2015 mit knapp 155.000 Fällen von Neuinvalidität bei 47 Versicherern (Marktabdeckung: 85 Prozent). Die Aktuare rechnen mit höheren Zuschlägen beim BU-Beitrag wegen höherer BU-Eintrittswahrscheinlichkeiten im Vergleich zur bisherigen Tafel. Das liegt an steigender Unsicherheit bei psychischen Erkrankungen sowie Unsicherheit zur künftigen wirtschaftlichen Entwicklung, da die wirtschaftliche Lage 2011 bis 2015 sehr günstig war.

Auswirkungen von Corona diffus
Noch sei für die DAV nicht prognostizierbar, wie sich die Pandemie auf die BU-Leistungsfälle auswirken wird, da sich mögliche Langzeitfolgen beziehungsweise Veränderungen des Arbeitsmarktes erst in den nächsten Jahren zeigen werden. "Die potenziellen Auswirkungen können aber auf jeden Fall durch das kollektive Geschäftsmodell der Lebensversicherung, zusammen mit gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitspuffern in der Kalkulation und der Reservierung sowie glättenden Mechanismen weitestgehend abgefedert werden", betont Schneidemann.

Aus den DAV-Erkenntnissen könnten keine Rückschlüsse auf mögliche Preisentwicklungen für den BU-Schutz gezogen werden, da die Beiträge unternehmensindividuell berechnet werden und von einer Vielzahl von Faktoren abhängen. "Dazu gehört neben der Entwicklung des Rechnungszinses auch die Zusammensetzung des jeweiligen Kollektivs", erinnert Schneidemann.

Im Vorfeld hatte bereits das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (IFA) auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht. Die Prämie berechne sich aus mehr Merkmalen als nur Alter und Beruf. Gerade in den letzten Jahren sind immer mehr Merkmale zu Person und Beruf hinzugekommen, welche die Beitragsermittlung verfeinern und  Versicherern so in ausgewählten Segmenten einen Preisvorteil verschaffen können – etwa Bildungsabschluss, Anteil der Reisetätigkeit, Personalverantwortung, Vorerkrankungen oder Geschlechtermix im Bestand. Aus aktuarieller Sicht wird damit die Prämienkalkulation in der BU-Versicherung komplexer und die mathematischen Methoden müssen entsprechend Schritt halten, betont das IFA.

Tendenzen zur Unterkalkulation bei BU-Beiträgen
Im aktuellen Stabilitätsrating der BU-Versicherer des Map-Report wurden zur Bewertung neben dem Beitrag (Kalkulation, Dynamik und Scoring) auch die Stabilität (Konstanz der Überschüsse und Schadenquote) sowie die Finanzstärke (wichtige Unternehmenskennzahlen im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019) betrachtet.

Dabei zeigten sich wie schon in früheren  BU-Stabilitätsstudien: Einige Versicherer haben die Überschüsse im BU-Bestand angepasst, Kunden mussten also höheren Nettobeitrag zahlen oder büßten Leistungen ein. "Es zeigen sich deutliche Tendenzen einer Unterkalkulation", resümiert Reinhard Klages, Chefredakteur von Map-Report.

Warum niedrige zu höheren Beiträgen führen können
Hintergrund: Die früher breiter angelegten Gewinnverbände mit nur vier Berufsgruppen hatten einen anderen Risikomix, der sich durch die erfolgte Entmischung immer schwerer stabil halten lässt, da der Risikoausgleich nicht mehr wie früher stattfinden kann. "Die immer stärkere Selektion in immer spezifischere Risikogruppen widerspricht dem ursprünglichen Versicherungsgedanken", sagt Klages. Zudem könne auch die anfängliche Freude über niedrige Prämien dadurch schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn sich Überschüsse nicht mehr halten lassen.

Aktuell gibt es in acht von zehn BU-Fällen eine Leistung vom Versicherer, ergab die Leistungspraxisstudie 2021 von Franke und Bornberg. Datenbasis waren eigene Untersuchungen 2020 zum Geschäftsjahr 2019 von sieben großen BU-Versicherern, die zusammen über 50 Prozent aller Leistungsfälle abdecken. Danach wird BU-Rente im Schnitt im Alter von 48,1 Jahren bewilligt. Durchschnittlich wird die BU-Leistung 6,27 Jahre bezahlt. Die durchschnittliche Rentenhöhe bei den Teilnehmer-Gesellschaften beträgt nur 1.106 Euro pro Monat. (dpo)