Bestehende Vorerkrankungen oder zu hohe Beiträge für den ausgeübten Beruf machen eine Absicherung des Risikos Berufsunfähigkeit (BU) mit einer selbstständigen BU-Police oft schwierig. Die besten Angebote filterte kürzlich ein neues BU-Rating des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) heraus.

Dass Versicherer und Vermittler noch viel Überzeugungsarbeit mit der enorm wichtigen BU-Absicherung ihrer Kunden haben, zeigen neueste GDV-Statistiken für das Jahr 2016. Im Schnitt werden mit neu abgeschlossenen Berufs- oder Erwerbsunfähigkeits-Verträgen (EU) nämlich durchschnittlich nur 10.607 Euro pro Jahr versichert. Das sind lediglich 884 Euro pro Monat. Im Bestand sieht der Schutz noch schlechter aus. Da hat ein Versicherter 2016 im Schnitt nur 7.686 Euro aus seiner BU-Versicherung erhalten (640,50 Euro monatlich). 2015 waren es noch knapp zwei Prozent weniger Leistung gewesen (7.551 Euro pro Jahr, also gut 629 Euro pro Monat).

Angemessene Absicherung ab 1.000 Euro pro Monat
"Nach meiner Ansicht wäre eine durchschnittlich versicherte BU-Rente von 1.000 Euro wünschenswert", sagt Versicherungsmakler Gerd Kemnitz aus Stollberg, der auch die Internetseite BU-Portal24.de betreibt. Dabei berücksichtige er, dass ein Berufsunfähiger sich trotz seiner gesundheitlichen Beschwerden durch eine andere, geringfügige Tätigkeit vielleicht noch etwas hinzuverdienen kann – und ein gesetzlich Rentenversicherter im Falle einer Erwerbsminderung zusätzlich zu seiner BU-Rente noch eine volle oder halbe Erwerbsminderungsrente erhält.

Die Zahlen von 2016 – aktuellere gibt es nicht – stammen aus einer GDV-Umfrage unter Mitgliedsunternehmen, die für einen Marktanteil von rund 80 Prozent stehen. In den Summen seien nicht nur die Werte eigenständiger Versicherungsverträge (SBU) enthalten, sondern auch Leistungen, die als Zusatzversicherung zu einer Lebensversicherung vereinbart wurden (BUZ), heißt es beim GDV. Viele BUZ-Verträge beinhalten lediglich eine Beitragsbefreiung im BU-Fall, aber keinerlei BU-Leistung. "Daher sollten bei der Durchschnittsberechnung von BU-Leistungen Verträge mit reiner BUZ-Beitragsbefreiung unberücksichtigt bleiben, weil sonst der Durchschnitt völlig verzerrt wird“, kritisiert Kemnitz.

Prüfung schnell und unbürokratisch?
Ist der BU-Fall eingetreten, benötigt der Kunde die vereinbarte Leistung möglichst zügig. Der Versicherer wiederum muss den BU-Antrag genau prüfen und sich die Berufsunfähigkeit ärztlich bestätigen lassen. Im Schnitt dauert der gesamte Prozess – vom ersten Anruf beim Versicherer bis zur bewilligten Leistung – laut GDV 110 Tage.

Bis der Kunde alle erforderlichen Unterlagen gesammelt und an den Versicherer geschickt hat, vergingen durchschnittlich allein 65 Tage. Im Schnitt 22 Tage dauert es von der Anforderung bis zur Einreichung eines ärztlichen Befunds. Lägen alle Unterlagen vor, brauche der Versicherer im Mittel nur noch zehn Tage, um die Angaben zu prüfen und eine Entscheidung über die Auszahlung zu treffen, heißt es vom GDV.

Zu optimistische Bearbeitungsdauer
Diese Zahlen hält Kemnitz für "eher unglaubwürdig“. So habe das Analysehaus Franke und Bornberg in seiner "Leistungsstudie 2018" für 2016 eine Leistungsprüfungsdauer von durchschnittlich 156 Tagen ermittelt. Das sind rund 1,5 Monate mehr als vom GDV berichtet. "Und selbst diese Zahl erscheint mir noch zu optimistisch“ sagt Kemnitz.

Denn bei beiden Statistiken stelle sich die Frage: Wo werden die Fälle berücksichtigt, in denen sich Betroffene jahrelang vor Gericht gegen die Leistungsablehnung wehren und danach Recht bekommen oder zumindest eine Teilleistung durch Vergleich erhalten? Kemnitz vermutet, dass solche Fälle in diesen Statistiken überhaupt nicht berücksichtigt werden, weil ja der Versicherer vorher eine – womöglich ungerechtfertigte – Leistungsentscheidung getroffen hat.

Leistungen unbefristet oder zeitlich befristet?
Makler Kemnitz sieht die GDV-Statistik noch aus einem anderen Grund kritisch. "Es gibt keine Auskunft zu wichtigen Fragen im Zusammenhang mit der Leistungsregulierung", sagt er. Er sieht unter anderem folgende offene Fragen:

  • Erfolgten die Zahlungen in vereinbarter Höhe oder erst im Rahmen eines Vergleichs in reduzierter Form?
  • Wurden die Leistungen unbefristet anerkannt oder zeitlich befristet, so dass der eigentliche Ärger vielleicht erst später beginnt?
  • Handelt es sich um echte BU-Renten oder verfälschen befristete Leistungen entsprechend einer Arbeitsunfähigkeitsklausel die Statistik?

Daher hält Kemnitz die BU-Leistungsquote nicht für transparent genug und hat die Analysten zu Verbesserungen aufgefordert – bisher vergeblich.

GDV kommuniziert hohe Leistungsquote
78 Prozent aller Leistungsanträge werden bewilligt, berichtet der GDV. Kann die vereinbarte Leistung nicht gezahlt werden, so liegt dies in 43 Prozent der Fälle daran, dass die Berufsunfähigkeit den vereinbarten Grad – meistens beträgt er 50 Prozent – nicht erreicht (siehe Grafik).

Gründe, weshalb die BU nicht zahlt

Quelle: GDV

 

Ungefähr 15 Prozent der Anträge werden abgelehnt, weil sich der Kunde für einen längeren Zeitraum – auch auf Nachfrage – nicht mehr beim Versicherer gemeldet hat. Dies kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn der Arzt eine Berufsunfähigkeit nicht attestieren möchte oder sich der Gesundheitszustand schnell wieder verbessert hat, erläutert der Verband.

 

Kunden womöglich mürbe gemacht
Dies klingt merkwürdig. "Wer im Laufe der Jahre Tausende von Euro für seine BU-Absicherung ausgibt, sollte im Fall des Falles nicht interessiert sein, Leistungen in Anspruch zu nehmen?", fragt sich BU-Fachmakler Matthias Helberg aus Osnabrück. Die Branche sollte versuchen, genauer herauszufinden, woran es bei so vielen unverwirklichten Leistungsanträgen hapert, redet er auch den Versicherern ins Gewissen.

Bei den 15 Prozent der Kunden, die nicht mehr reagieren, kann BU-Makler Kemnitz sich vorstellen, dass mancher bereits beim Verdacht auf Berufsunfähigkeit die Unterlagen für den Leistungsantrag anfordert und dann erst mal den Verlauf der Krankheit abwartet. "Hier wäre interessant, wie viele Kunden ihren Vertrag nach der 'Nicht-Zurückmeldung' kündigen“, meint Kemnitz. Das wäre doch die logische Folge, wenn sich die Hürden für die Leistungsbewilligung als zu hoch herausstellen, ist er überzeugt.  

Nervenleiden klar häufigste BU-Ursache
In einer weiteren GDV-Information zu den Ursachen für Berufsunfähigkeit wurden für 2016 Nervenkrankheiten, zu denen auch psychische Erkrankungen gehören, mit 32 Prozent als häufigste Invaliditätsursache in der BU-Versicherung genannt (2015: 31 Prozent). Es folgen Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparats mit 24 Prozent (2015: 22 Prozent) und dann mit 15 Prozent Krebs und andere bösartige Geschwülste (2015: 17 Prozent).

Von der Fachöffentlichkeit wird die Veröffentlichungspraxis des GDV schon seit längerem kritisiert. So schrieb Makler Helberg in seinem Blog: "Wenn so viele BU-Leistungsanträge nicht anerkannt werden, weil Kunden entweder schon gleich am Anfang oder irgendwann später aufgegeben haben, funktioniert die BU-Versicherung an dieser Stelle nicht richtig für die Versicherten."

Fehlende Daten
Der Verband sei wohl um eine möglichst positive Darstellung der BU-Leistungen seiner Mitgliedsunternehmen bemüht. "Nur mit nachvollziehbaren Zahlen hat man es nicht so", meinte Helberg bereits im vergangenen Herbst in seinem Blog. Das Jonglieren mit unterschiedlichsten Zahlen aus verschiedenen Datenquellen, von denen keine zu der anderen passe, schaffe kein Vertrauen.

Zudem fehlten laut Helberg entscheidende Zahlen in der GDV-Statistik, etwa diese:

  • der Prozentsatz der Anträge, bei denen ein Versicherer zwar ein Angebot unterbreitete, der Kunde es aber nicht angenommen hat;
  • die Stückzahl bearbeiteter Versicherungsanträge;
  • eine Aufteilung nach BU-Renten und reinen BU-Beitragsbefreiungen (etwa zu einer Rentenversicherung);
  • die Namen der Versicherer, die keine Daten für die Umfrage geliefert haben.

Nachfrage beim GDV ohne Ergebnis
FONDS professionell ONLINE wollte vom GDV wissen, weshalb der Verband solche Daten nicht erfragt und die Namen der Gesellschaften, die keine Auskunft geben, nicht nennt. Dazu äußerte sich die Pressestelle nicht. Es hieß lediglich: "Die von Ihnen erfragten Zahlen werden von uns nicht erhoben." (dpo)