Der anhaltende Preiswettbewerb im BU-Markt wirft eine entscheidende Frage auf: Halten die Versicherer im Leistungsfall, was sie versprechen? Im Prinzip ja, aber …, könnte man in Bezug auf die zehnte BU-Leistungspraxis-Studie des Analysehauses Franke und Bornberg (FuB) sagen. Trotz des anhaltenden Preisdrucks im Markt zahlen die untersuchten 16 Versicherer unabhängig von der beantragten Rentenhöhe wie schon im Vorjahr bei knapp 80 Prozent aller Anträge auf BU-Leistung.

Aber die durchschnittliche Regulierungsdauer ist 2024 erneut gestiegen, von 189 auf 201 Tage. "Steigende Regulierungsdauern sind kein Kavaliersdelikt, wenn Menschen in einer existenziellen Situation auf ihre Leistungen warten müssen", sagt FuB-Geschäftsführer Michael Franke. Bei Anerkennungen dauert die Regulierung durchschnittlich 192 Tage, bei Ablehnungen 208 Tage – siehe auch Grafik. Den höchsten Wert weisen Leistungsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen auf: Hier dauert eine Anerkennung im Schnitt 286 Tage, eine Ablehnung 278 Tage. Gründe: die diagnostische Komplexität psychischer Erkrankungen sowie die Schwierigkeit, bei psychischen Leiden einen exakten BU-Grad festzulegen.

Quelle: Franke und Bornberg

Bei Ablehnungen wirken Kunden offenbar nicht gut genug mit
Dass fast 80 Prozent der Anträge positiv beschieden werden, sei ein belastbarer Beleg dafür, dass berechtigte Ansprüche meist anerkannt werden. "Fast 60 Prozent der Ablehnungen erfolgen aus medizinischen Gründen – der versicherte BU-Grad wurde nicht erreicht", berichtet Franke. Häufig bleibe die Entscheidung des Versicherers aus, weil Versicherte die erforderlichen Nachweise nicht erbringen ("Mitwirkungspflichten verletzt") oder ihren BU-Antrag aktiv zurückziehen. Oft würden Leistungen verfrüht beantragt, um keine Fristen zu versäumen. Zudem werde Berufsunfähigkeit mit vorübergehender Arbeitsunfähigkeit verwechselt, heißt es bei FuB.

Besonders bemerkenswert sei der Befund zu Verweisungen und Umorganisation: Konkrete und abstrakte Verweisungen des Versicherers auf andere Tätigkeiten sowie verlangte Umorganisationen der Firma bei Selbstständigen kommen zusammen auf einen Anteil von lediglich 0,87 Prozent der Ablehnungen. "Solche Ablehnungsgründe spielen in der Leistungspraxis also eine untergeordnete Rolle", betont Franke. Dies stehe in klarem Widerspruch zu dem verbreiteten Vorurteil, dass Verweisung ein gängiges Ablehnungsinstrument der Versicherer sei.

Wachsende BU-Datentransparenz
Für die Studie haben wie im Vorjahr 16 Anbieter mit 9,3 Millionen BU-Bestandskunden Daten zur Verfügung gestellt. Bei der Studie davor nahmen erst zehn Gesellschaften mit 7,7 Millionen BU-Policen im Bestand teil. Die Studie untersuchte diesmal über 36.000 BU-Leistungsanträge, die 2024 entschieden wurden. Das entspricht über 60 Prozent aller 58.000 BU-Leistungsfälle am deutschen Markt in jenem Jahr. Neben der Datenanalyse setzt FuB auf Stichproben vor Ort. Die Analysten ziehen mindestens 125 Schadenakten je Gesellschaft heran, insgesamt mehr als 1.650 Leistungsfälle, wobei Ablehnungen mit 60 Prozent übergewichtet werden, weil sie ein höheres Konfliktpotenzial bergen. 

Häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit sind den Leistungsfällen zufolge psychische Leiden (28,35 Prozent der BU-Fälle), von denen überproportional oft Frauen betroffen sind (29,52 Prozent), gefolgt von Krankheiten des Muskel-Skelettsystems (18,77 Prozent), an denen zumeist Männer erkranken, und Krebs (15,18 Prozent). Ähnliche Ergebnisse hatte das BU-Rating von Morgen & Morgen ergeben, wo psychische Erkrankungen sogar 32,34 Prozent aller Fälle ausmachten.

Mehr Transparenz und gute Anerkennung von Post/Long-Covid
"Die Teilnehmer setzen auf Transparenz in der BU-Leistungsprüfung", lobt Franke. Diese Anbieter gaben – wie schon im Vorjahr – Einblicke in ihre BU-Leistungspraxis: Allianz, Alte Leipziger, Axa, Continentale, Deutsche Ärzteversicherung, Dialog, DBV, Ergo, Generali, Gothaer, HDI, Münchener Verein, Nürnberger, Signal Iduna, Stuttgarter und Zurich.

Erstmals analysiert die Studie systematisch Leistungsanträge aufgrund von Post/Long-Covid/VAC. Von über 300 untersuchten Anträgen wurden 86 Prozent anerkannt. Dieses Ergebnis ist besonders bemerkenswert, da es diagnostisch kein einheitliches Krankheitsbild gebe und die Symptome vielfältig und schwer abzugrenzen seien, heißt es bei FuB. Da zeigten die Versicherer hohe Expertise. Nun gelte es, der steigenden Regulierungsdauer entgegenzusteuern. FuB sieht dazu vor allem zwei Wege: gezielt mehr qualifizierte Leistungsprüfer zu gewinnen und KI stärker in Regulierungsprozesse einzubinden. (dpo)