Seit dem Jahr 2010 hat sich die Schaden- und Unfallversicherung (samt Rechtsschutz auch SHUKR abgekürzt) aus Sicht der Anbieter prächtig entwickelt. Der positive Trend setzte sich trotz Pandemie 2020 fort. Ganz anders verlief jedoch das Jahr 2021.

Unwetterereignisse, insbesondere Überschwemmungen, das Sturmtief "Bernd" und Hagel, hoben die Schadenbelastung auf ein bisher nie dagewesenes Rekordniveau und bescherten der Branche erstmals seit langer Zeit wieder einen versicherungstechnischen Verlust, berichtet die Ratingagentur Assekurata im Rahmen ihres "Marktausblicks Schaden- und Unfallversicherung 2022". Allein die durch "Bernd" verursachten Schäden hätten ausgereicht, um 2021 zum viertteuersten Schadenjahr seit Beginn der Statistik in den 1970er Jahren zu machen.

Verhagelte Bilanzen
"Die Bilanzen wurden 2021 sprichwörtlich verhagelt", sagt Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden-/Unfallversicherung bei Assekurata und Autor der Untersuchung. Konnte die Branche 2020 noch einen versicherungstechnischen Gewinn von mehr als sieben Milliarden Euro einfahren, schrieb sie 2021 rote Zahlen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. "Die hohen Elementarschäden haben die Versicherer dabei zwar stark belastet, aber nicht überlastet", so Wittkamp.

Hintergrund: Die Einnahmen stiegen 2021 mit 2,2 Prozent geringfügig stärker als 2020 (2,1 Prozent), aber weiter weniger stark als im Mittel der vergangenen zehn Jahre (2,85 Prozent). Wegen der erhöhten Schäden stiegen die Versicherungsleistungen aber deutlich um elf Milliarden Euro auf 62,3 Milliarden Euro (+20,3 Prozent). Folgerichtig stieg auch die kombinierte Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio) von 90,7 Prozent auf 102 Prozent und erklärt die genannten 1,5 Milliarden Euro Verluste. Zum Vergleich: Im Mehrjahresdurchschnitt 2010 bis 2020 lag die Combined Ratio bei 95,7 Prozent.

Große Unterschiede
Elementarschäden drückten die Profitabilität 2021 unter den langjährigen Durchschnitt, berichtet Wittkamp. Es habe höhere Schadenbelastungen in fast allen Zweigen gegeben. "Dennoch erwiesen sich mit Ausnahme der Wohngebäude- und der Rechtsschutzversicherung erneut alle Zweige als sogenannte vitale Ertragsträger", so Wittkamp. In diese Rubrik fallen Zweige, die eine Combined Ratio unter 100 Prozent und zugleich einen Beitragszuwachs zu verzeichnen haben.

Der Markt differenziere sich jedoch stärker aus. Auch im positiven Marktumfeld 2016 bis 2020 schafften nicht alle Schaden- und Unfallversicherer ein nachhaltig profitables Wachstum, konstatiert Assekurata. So erreichten sieben Unternehmen im mehrjährigen Durchschnitt (2016 bis 2020) nicht die Gewinnzone, 14 Gesellschaften schafften kein positives Beitragswachstum. Namen nannte Assekurata nicht.

Steigende Beiträge
Von den heftigen Schäden des Sturmtiefs „Bernd“ waren die Anbieter unterschiedlich betroffen. Die Schadenbelastung pegelte sich beispielhaft zwischen 47 Millionen Euro (Mecklenburgische) und 1,6 Milliarden Euro (Provinzial Rheinland) ein. Folge: Die Rückversicherungsbeiträge für die Erstversicherer werden im Zusammenhang mit Elementarereignissen steigen.

Dies dürfte auch für die Privat- und Gewerbekunden der Erstversicherer Preisanhebungen bringen. So rechnet Assekurata vor allem in der Wohngebäudeversicherung – seit Jahren schon ein Sanierungsfall – mit weiteren Beitragserhöhungen, die bereits seit 2020 überdurchschnittlich zu beobachten waren. Eine Prozentzahl für 2022/2023 nannte Assekurata nicht. Gleichwohl rechnet die Ratingagentur mit "deutlichen Prämienanpassungen, da die Inflation die Baupreise und damit den Baupreisindex zur Berechnung der Gebäudewerte treibt", zumal der Trend steigender Schadenkosten bei Leitungswasser- und Feuerschäden ungebrochen ist.

Gegenläufige Entwicklungen in der Kfz-Sparte
In der Kfz-Versicherung zeigten sich teilweise gegenläufige Entwicklungen. "Die Kfz-Haftpflichtversicherung profitierte vor allem von einer geringeren Schadenbelastung, die vornehmlich auf die Pandemie zurückzuführen ist", erklärt Wittkamp. In der Kasko-Sparte seien die Spuren der Unwetter jedoch deutlich zu erkennen. Dies habe bereits Anfang 2022 zu leicht erhöhten Kasko-Prämien geführt.

Die Inflation bei Ersatzteilen, die in der Regel deutlich oberhalb der "normalen" Inflation liegt, dürfte die Schadenbelastung der Kfz-Versicherer weiter steigen lassen und somit "Prämienerhöhungen am Jahresende erfordern", ist Wittkamp überzeugt. Zudem dürfte sich die Wachstumsdynamik der vergangenen Jahre in der Kfz-Sparte deutlich abschwächen, da die Zahlen der Neuzulassungen und Besitzumschreibungen im ersten Quartal 2022 merklich zurückgegangen sind. "Die Kfz-Versicherer haben es erstmals seit Langem mit einem schrumpfenden Markt zu tun", so Wittkamp.

Gedämpfte Aussichten
Das laufende Jahr stellt die deutschen Schaden-/Unfallversicherer vor zahlreiche Herausforderungen. "Pandemie, Krieg in der Ukraine, steigende Zinsen, Inflation sind nur einige der Einflussfaktoren, die die Branche beschäftigen werden", so Wittkamp. Verschiedene Einflussfaktoren stünden zum Teil in Abhängigkeit zueinander, hätten teilweise aber auch gegenläufige Auswirkungen.

Die Umstände seien schwer zu kalkulieren, "nehmen aber Einfluss auf die Geldpolitik und damit auf die Inflation, welche wiederum maßgeblichen Einfluss auf die Schadenaufwände hat", argumentiert Assekurata-Geschäftsführer Reiner Will. Auf dieser Basis rechnet Assekurata für 2022 mit einem marktweiten Beitragswachstum von nur 1,7 Prozent, was deutlich unterhalb des langjährigen Durchschnitts liegen würde.

Schwieriges Jahr 2022
Auch aus Ertragssicht dürfte 2022 erneut ein schwieriges Jahr werden. "Die Inflation wird die Schadenkosten unabhängig von der Schadenhäufigkeit deutlich in die Höhe treiben", prognostiziert Wittkamp. Sollte diese Entwicklung noch auf hohe Elementarschäden im Herbst treffen, könnte der Branche eine schwierige versicherungstechnische Bilanz 2022 ins Haus stehen.

Interessenten können den 46 Folien umfassenden Foliensatz nebst einer begleitenden Videopräsentation auf der Assekurata-Website (externer Link) zum Preis von 898 Euro bekommen. (dpo)