Bei der Einführung der Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD schrammte die Branche an einem Provisionsverbot vorbei. Das Thema ist aber nicht vom Tisch, bestätigt Peter Braumüller, langjähriger Bereichsleiter für die Versicherungsaufsicht in der österreichischen Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) und stellvertretender Vorsitzender der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa. Die Behörde habe unlängst von der EU-Kommission einen "Call for advice" erhalten. In diesem verlangt die Kommission von der Eiopa Vorschläge für einen besseren Schutz der Retailinvestoren, und darin sei das Provisionsthema ausdrücklich adressiert. "Die Eiopa wird dazu also Stellung nehmen müssen", sagt Braumüller gegenüber FONDS professionell.

Aus Sicht der Eiopa sei es wichtig, dass es bei den Vergütungen Transparenz gebe. Es sei einerseits nicht wünschenswert, dass Lücken beim Versicherungsschutz entstehen, wenn in Märkten, in denen historisch auf Provisionsbasis gearbeitet wird, auf ein Honorarmodell umgestellt würde. Gleichzeitig sei es aber immer Linie der Aufsicht gewesen, dass bei provisionsfreien Modellen negative Anreize einfacher zu verhindern sind. "Die Diskussion um die Provisionen wird nicht zu vermeiden sein. Sie wird stattfinden. Wie sie ausgeht, kann ich nicht sagen", so Braumüller.

Mysteryshopping in der Diskussion
Sehr stark beschäftigt sich die europäische Versicherungsaufsicht auch mit den Herausforderungen der Digitalisierung. Unter anderem geht es um die Frage, wie man sicherstellt, dass die Mechanismen von künstlicher Intelligenz (KI) nicht zum Nachteil der Kunden arbeiten. Das betreffe Vergleichsplattformen, aber auch was im Hintergrund digitaler Vermittlung abläuft. "Es werden Proxies diskutiert. Das sind Variablen wie die Postleitzahl, aus denen abgeleitet wird, dass etwa jemand weniger verdient", so Braumüller. Um solche Systeme zu durchblicken, stehe auch Mysteryshopping in Diskussion.

In Österreich überlege die FMA dieses Vorhaben. Und auch europaweit gibt es diese Bemühungen: "Wir wollen in Europa eine Aufsichtskonvergenz. Die Eiopa destilliert daher Best-Practice-Modelle heraus. Insofern überlegen wir intensiv, ob Mysteryshopping eine Lösung ist", so Braumüller.

Wert gleich bei der Produktschaffung
Auf Änderungen muss sich die Versicherungsbranche auch bei den Produkten an sich einstellen: Für ein Eiopa-Papier zu "Value for Money" wurden bis Juli öffentliche Konsultationen eingeholt. Dort ist vorgesehen, die Kosten für einzelne Komponenten offenzulegen. Derzeit werden die Rückmeldungen der Stakeholder ausgewertet. "Meine Nachfolgerin, Eiopa-Vorsitzende Petra Hielkema, wird hier die Linie vorgeben. Allgemein geht es um Bedenken zur Profitabilität und Vergleichbarkeit von Produkten und um die Sichtbarkeit von Kosten", so Braumüller, der dieses Jahr kurzfristig interimistisch die Eiopa-Leitung übernommen hatte.

Das Value-for-Money-Konzept sei durch eine Produktintervention in Polen beschleunigt worden, wo die Aufsicht ein Verbot fonds­gebundener Produkte eingeleitet hatte, die ihre Kosten nicht voll ausweisen oder die aufgrund ihrer Veranlagungsstruktur und hoher Kosten voraussichtlich nicht profitabel sein können. "Wir sagen, dieser Wert muss eigentlich schon Teil des Produktentwicklungsprozesses sein und dort eingefordert werden", erklärt Braumüller. Wie ein etwaiger "Value for Money" definiert wird, müsse diskutiert werden, denn klarerweise könne man auch bei einem Sparbuch infrage stellen, ob so ein Produkt in der aktuellen Zinslandschaft wertmäßig Sinn macht. Vorgesehen ist jedenfalls ein "Fairness-Test", der bereits positiv sein soll, noch bevor das Produkt in den Verkauf kommt.  

Europaweites Garantiekonzept für Versicherungsausfälle
Einen neuen Anlauf unternimmt die Eiopa übrigens auch zu dem bereits vor Jahren diskutierten europaweiten Garantiekonzept für den Fall, dass Versicherungen Insolvenz anmelden müssen. "Wir schlagen die Schaffung einer Mindestharmonisierung des Versicherungsgarantieschemas in Europa vor", sagt Braumüller. Es gehe nicht um einen europaweiten Fonds, sondern um eine Mindestanforderung.

Wie wichtig das sei, habe die unlängst ausgefallene dänische Versicherung Gefion gezeigt, wo die Auszahlung aus dem dortigen Garantiesystem auf dänische Staatsbürger reduziert wurde. Die EU-Kommission will das Thema, so ist zu hören, nicht vorrangig behandeln. "Wir als Aufseher wollen aber, dass das möglichst bald umgesetzt wird. Versicherung kann aus Aufsichtssicht in Europa so nicht funktionieren: Wenn ich nämlich als nationale Aufsichtsbehörde eine Zulassung gebe, dann wirkt die für den gesamten EWR-Raum. Es ist völlig inakzeptabel zu sagen: 'Verkaufen darf ich überall, aber wenn es schiefgeht, dann deckt das Garantiesystem nur die eigenen Bürger'", so Braumüller.

Ein derartiges Garantiesystem müsse vorrangig dafür sorgen, dass die Verträge weiterlaufen. Bei Ausfällen stelle sich vor allem das Problem, dass im Bereich Leben oder Krankenversicherung ältere Personen nur noch schwer eine Versicherung zu leistbaren Prämien bekommen. (eml)