Lebensversicherungen, die zwischen dem 21. Juli 1994 und dem 31. Dezember 2007 abgeschlossen worden sind, können rückabgewickelt werden, wenn Versicherer ihren Kunden nach dem Abschluss keine oder eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung zugesandt haben. In diesem Fall gilt ewiges Widerspruchsrecht. Die Crux dabei: Ob eine solche Belehrung, so vorhanden, als fehlerhaft einzustufen ist, lässt sich nur schwer feststellen. Daher müssen versierte Fachanwälte ans Werk – und das kostet.

Wer keine Rechtsschutzversicherung hat, kann sich von einem Prozessfkosteninanzierer unterstützen lassen. Große Unternehmen dieser Branche sind seit vielen Jahren im Markt etabliert, in jüngster Vergangenheit kommen auch immer mehr kleinere Prozesskfinanzierer hinzu. Einer davon ist die Münchner Lawtechgroup. Günther Kappestein, Leiter Vertrieb institutionelle Kunden, erklärt im Interview mit FONDS professionell, welche Vorteile eine Prozesskostenfinanzierung Versicherten und Vermittlern bringt.


Herr Kappestein, die Lawtechgroup ist seit 2016 in Deutschland aktiv und hat sich unter anderem auf die Prozessfinanzierung bei Rückabwicklungen von Lebensversicherungen spezialisiert. Dabei setzen Sie künstliche Intelligenz (KI) ein. Wie funktioniert das?

Günther Kappestein: Um zu prüfen, ob eine Rückabwicklung Aussicht auf Erfolg hat, nutzen wir unser KI-Tool "Raydata 360". In diese Datenbank, die wir über mehr als zwei Jahre hinweg aufgebaut haben, sind tausende von Rechtsdaten eingeflossen, unzählige Entscheidungen außergerichtlicher Auseinandersetzungen, Gerichtsurteile und Urteilsbegründungen. Bei neuen Fällen lassen sich zuverlässige Vorhersagen über den Ausgang eines Verfahrens treffen. Wir können sogar je nach Bundesland und einzelnem Landgericht recht präzise prognostizieren, ob eine Klage Erfolg haben wird oder nicht.

Wie machen Sie das?

Kappestein: Nun ja, ein Richter am Landgericht Köln hat in ähnlich gelagerten Fällen vielleicht schon mehrfach anders entschieden als ein Kollege am Landgericht Cottbus. Da wir alle Daten zugeordnet abrufen können, sind wir in der Lage, Risiko und Erfolgsaussichten einer Klage vor einem bestimmten Gericht sehr gut abzuschätzen.

Wie hoch ist denn Ihre Erfolgsquote?

Kappestein: Lawtech ist außer auf die Rückabwicklung von Lebenspolicen auch auf andere Versicherungsthemen sowie auf Rechtsstreitigkeiten über Kapitalmarktprodukte spezialisiert. Insgesamt haben wir rund 2.000 Verfahren geführt und gut 90 Prozent davon erfolgreich beendet. Derzeit nehmen wir uns stark des Themas der Betriebsschließungsversicherungen an, da viele Assekuranzunternehmen Corona als Grund für eine Leistung nicht anerkennen wollen. Auch Kapitalanleger-Musterverfahren im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal sind für uns ein Feld.

Vermittler, die Kunden an Lawtech empfehlen, erhalten im Erfolgsfall eine Vergütung. Gibt es weitere Pluspunkte?

Kappestein: Zum einen stärkt es das Vertrauen, wenn der Kunde über den Vermittler von der Möglichkeit einer Prozessfinanzierung erfährt und eine Klage Erfolg hat. Zum anderen soll das erstrittene Geld vielleicht ja auch wieder angelegt werden.

Und wenn ein Kunde eine Rechtsschutzversicherung hat?

Kappestein: Auch dann kann eine Prozessfinanzierung gut sein. Hat ein Kläger vor Gericht keinen Erfolg, muss er seine Versicherung nicht unbedingt in Anspruch nehmen. Oft ist es so, dass Versicherer einen Schaden zwar regulieren, die Police dann aber kündigen. Mit einer Prozessfinanzierung bleibt der Versicherungsschutz für den Fall künftiger Schadenregulierungen erhalten.

Vielen Dank für das Gespräch. (am)


Einen ausführlichen Bericht über Vorteile und Kosten von Prozesskostenfinanzierungen finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2020 von FONDS professionell ab Seite 242. Der Beitrag ist auch hier im E-Magazin zu lesen (Anmeldung erforderlich).