Rund ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie blicken die deutsche und die österreichische Versicherungswirtschaft schon wieder recht optimistisch in die Zukunft: Der Anteil der Versicherer, die in der Coronakrise auch Chancen sehen, beträgt inzwischen 90 Prozent. Im Frühjahr hatte er lediglich bei 62 Prozent gelegen. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY und des Marktforschungsunternehmens Vers Leipzig hervor. 

Für die Studie wurden im September 2020 zum zweiten Mal 30 Vorstände und leitende Repräsentanten von Versicherungsunternehmen in Deutschland und Österreich befragt. Eine erste Analyse hatten EY und Vers Leipzig im März und April dieses Jahres erstellt.

Höhere Erwartungen an das Neugeschäft
Die aktuelle Untersuchung zeigt, dass auch die Erwartungen für das Neugeschäft besser ausfallen als noch vor ein paar Monaten: 14 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass die Branche insgesamt leicht wachsen wird. In der vorangegangenen Analyse hatte nur ein einziges Unternehmen mit einem stark wachsenden Neugeschäft gerechnet.

Angesichts der Erfahrungen aus der Coronakrise mit vielen abgesagten Veranstaltungen und geschlossenen Geschäften, Gastronomiebetrieben und Unternehmen erwarten knapp zwei Drittel der Versicherer bei Betriebsschließungsversicherungen (63 Prozent) und Veranstaltungsausfallversicherungen (61 Prozent) ein wachsendes Neugeschäft für 2020/21. Fast ebenso viele (59 Prozent) sehen mehr Abschlüsse bei Krankenzusatzversicherungen. Unter dem Strich rechnen die Unternehmen auch bei der Reiserücktrittsversicherung, der Rechtsschutzversicherung, der Risikolebensversicherung sowie der Berufsunfähigkeitsversicherung mit einem Plus für die Branche. 

35 Prozent schließen Stellenabbau aus
Auch Mitarbeiter und Kunden können der Untersuchung zufolge aufatmen: Zwar geht wie im Frühjahr ein Fünftel der befragten Versicherer davon aus, dass es in den kommenden zwei Jahren zu einem Stellenabbau kommen könnte. Andererseits schließen 35 Prozent einen Personalabbau komplett aus. Im Frühjahr war das bei keinem einzigen Unternehmen der Fall gewesen. Mit Prämienerhöhungen aufgrund der Krise rechnen nur zwölf Prozent der Befragten, in der vorangegangenen Analyse waren es noch 21 Prozent. 

Vor allem ausgelöst durch die Erfahrungen während des Shutdowns sehen alle Versicherer einen Digitalisierungsschub. 93 Prozent erkennen Chancen in der Flexibilisierung der Arbeitsmodelle und 60 Prozent erwarten einen moderneren Vertrieb. "Die schnellere und bessere Betreuung durch digitale Direktvertriebsmodelle kann auch dem Image der Versicherer helfen", sagt Fred Wagner, Vorstand des Instituts für Versicherungswissenschaften an der Universität Leipzig. 

Image-Schaden befürchtet
Trotz aller Lichtblicke gibt es auch Befürchtungen. So schließen 20 der 30 befragten Unternehmen nicht aus, dass sich die Coronakrise negativ auf das Bild der Versicherer auswirken könnte. Wagner ist hier nicht so pessimistisch: "Gerade jetzt in der Krise haben die Versicherer die Chance, sich als Partner an der Seite der Kunden und der Gesellschaft zu positionieren", erklärt der Hochschulprofessor. Störend für das Image seien allerdings die Auseinandersetzungen um Betriebsschließungsversicherungen.

29 der befragten Versicherer erkennen nach wie vor Herausforderungen. Die meisten Unternehmen sehen vor allem Probleme in den Bereichen Neugeschäft (87 Prozent) und Kapitalanlagemanagement (83 Prozent). Allerdings ist der Anteil im Vergleich zur Befragung im Frühjahr deutlich zurückgegangen. (am)