Das ist eindeutig: 78 Prozent der Versicherungsvermittler machen bei ihren Kunden noch keine Präferenzabfrage zu Nachhaltigkeit – obwohl der europäische Gesetzgeber das seit dem 2. August vorschreibt. Dies ergab eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft EY, die in Zusammenarbeit mit den Vertriebsspezialisten von Bao Solutions insgesamt 85 telefonische und Online-Beratungsgespräche nach dem "Mystery-Shopping-Verfahren" bei Ausschließlichkeitsvermittlern von 13 Versicherungen machte.

Weitere Teilergebnisse der Umfrage sind, dass in fast allen Gesprächen (95 %) der Wissensstand zum Thema Nachhaltigkeit nicht abgefragt wurde. Ferner enthielten weit mehr als die Hälfte (65 %) der zugesandten Unterlagen keine Informationen zu nachhaltigen Produkten, geschweige denn Klassifizierungen.

Nachhaltigkeit wird vermieden 
"Der benötigte Inhalt und Umfang der Präferenzabfrage ist in der IDD festgelegt und der Türöffner für den weiteren Gesprächsverlauf im ESG-Beratungsprozess. In etwa vier von fünf Fällen kommt es aber erst gar nicht dazu – das Thema Nachhaltigkeit wird, offenbar aus verschiedenen Gründen, eher vermieden", kommentiert Patrick Pfalzgraf, Partner bei EY EMEIA Financial Services, das Ergebnis. 

Dass ein Großteil der Branche geltendes Gesetz nicht einhalte, sei sicherlich kein Vorsatz. "Es zeigt aber, wie viele Hürden die Branche auch zwei Monate nach dem Tag X noch nicht überwunden hat. Und das trotz eines hohen vertrieblichen Potenzials und der hehren Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit."

Kaum ESG-Produkte
Einen Grund für die mangelnde Beschäftigung der Ausschließlichkeitsvertreter mit der ESG-Abfrage sieht EY-Experte Pfalzgraf in der geringen Auswahl an ESG-konformen Anlageprodukten. Deshalb würden die Vermittler natürlich in der Luft hängen. "Aber die Gesamtproblematik geht tiefer. Häufig sind die Kenntnisse auf der Vermittlerseite für eine dezidierte Nachhaltigkeitsberatung noch nicht ausreichend. Zudem fehlt es an geeigneter Unterstützung durch strukturierte Prozesse in der Omnikanalberatung. Obendrein sind Tools und klare Leitfäden oft Mangelware. Das schlägt dann irgendwann auch auf die Motivation der Berater", meint Pfalzgraf. (jb)