E-Bikes und Pedelecs sind beliebt, aber teuer. Da wird Diebstahl zu einem echten finanziellen Risiko, das den Rahmen der klassischen Hausratversicherung oftmals sprengt. Dort sind Räder standardmäßig nur bis zu einem Prozent der Versicherungssumme versichert. Im vergangenen Jahr bezifferte der GDV den durchschnittlichen Fahrraddiebstahlschaden auf 730 Euro.

"Der Markt für solche Vollkasko-Policen ist jung und verändert sich jedes Jahr rasant", sagt Versicherungsmakler Thomas Giessmann aus Berlin. Er hat gemeinsam mit der Barmenia ein Deckungskonzept entwickelt ("Fahrsicher") und betreibt einen eigenen Vergleichsrechner, der "alle Annahmerichtlinien der Versicherer und Erfahrungen mit der Schadenregulierung" berücksichtige, so Giessmann (siehe auch FONDS professionell 1/2021, Seite 266 oder – nach Anmeldung – hier im E-Magazin). Doch ganz jung ist der Markt nicht mehr: Der Spezialmakler P&P Pergande & Pöthe hat Fahrrad-Kaskopolicen schon 1993 eingeführt.

Zwang zum Neukauf oder keine Entschädigung
Für ähnlich leistungsstark wie "Fahrsicher" und doch preisgünstig hält Giessmann die Angebote von Ammerländer (Classic Privat 0221) und Waldenburger (Privat FVW 2014 0420). Für beide spreche auch eine sehr gute Schadenbearbeitung. Doch im Detail bieten beide auch eine böse Überraschung: Bei Diebstahl oder Totalschaden verlangen sie den Kauf eines neuen Bikes.

"Diese Klausel ist nicht logisch", kritisiert Giessmann. "Bei der Ammerländer steht sie nicht mal im Produktinformationsblatt und kommt damit völlig überraschend", wundert sich auch Michael Melchert vom Versicherungsmakler Die Zwei aus Ratingen. "Wer kein neues Rad nach Diebstahl oder Totalschaden kauft, geht damit leer aus, denn nicht mal der Zeitwert wird erstattet – ein Unding", findet Melchert, der auch dem Vorstand der Interessengemeinschaft Deutscher Versicherungsmakler (IGVM) angehört.

Melcherts Nachfragen beim Vorstand blieben unbeantwortet. Auf Nachfrage von FONDS professionell ONLINE sagt Ammerländer-Vorstand Gerold Saathoff: "Diese Regelung zur Ersatzbeschaffung ist in den AVB festgelegt und wichtig, weil sie die Hemmschwelle für Versicherungsbetrug erhöht, dessen Kosten sonst auf die Versichertengemeinschaft umgelegt werden müssten." Doch die AVB (Paragraf 3) sind schwammig formuliert. Dort heißt es lediglich: "Der Versicherer erstattet die tatsächlich angefallenen Kosten für eine Ersatzbeschaffung in gleicher Art und Güte (Neuwert), maximal die vereinbarte Versicherungssumme."

Überraschende Klausel höhlt Versicherungsschutz aus
Doch wenn der Kunde nach einem schweren Sturz mit Totalschaden des Bikes nie wieder aufs Rad will und daher kein neues kauft, bekäme er null Euro Entschädigung. "Da kann man förmlich den Ruf des Kunden nach Schadenersatz wegen Falschberatung durch den Makler hören", so Melchert, der eine solche Police nur unter bestimmten Voraussetzungen vermitteln würde. Mindestens ins Produktinformationsblatt hätte ein Warnhinweis gehört, doch bei den dort aufgezählten Deckungsbeschränkungen findet sich kein Wort zum Neukaufzwang, der laut IGVM den typischen Versicherungsschutz in der Sachversicherung aushöhlt.

Das sieht die Waldenburger anders. "Auch in der Kfz-Kaskoversicherung ist der Rechnungsnachweis in Teilbereichen üblich", entgegnet Vorstandschef Thomas Gebhardt. Tatsächlich würde die Kfz-Kaskoversicherung bei Diebstahl oder Totalschaden aber zahlen, ohne dass der Kunde ein neues Fahrzeug anschafft. Man bewege sich "im Einklang mit den gesetzlichen Regelungen und Marktgegebenheiten", so Gebhardt weiter. Im Klartext: "Keine Entschädigungsleistung ohne Nachweis einer Ersatzbeschaffung."

Klausel dient dem Verbraucherschutz?
Nach Gebhardts Erfahrungen mit der Fahrrad-Kaskoversicherung spiele das Problem "kaum eine Rolle", da die "Regelung auch dem Verbraucherschutz dient". Das ist Ansichtssache, denn im Produktinformationsblatt der Waldenburger heißt es lediglich: "Bei Zerstörungen oder Abhandenkommen erhalten Sie den Wiederbeschaffungspreis (Neuwert)." Das könnte der vom Bundesgerichtshof als Maßstab geschaffene durchschnittliche Versicherungsnehmer auch so verstehen, dass er Geld bekommt, ohne ein neues Rad anschaffen zu müssen, zumal er das aus der Kfz-Kaskoversicherung so kennt.

Apropos Verbraucherschutz: In der aktuellen Untersuchung zur Fahrradversicherung in der April-Ausgabe von "Finanztest" heißt es dazu wenig hilfreich: "Ist das Fahrrad gestohlen oder hat es einen Totalschaden, leisten die Versicherer mit einem neuen, gleichwertigen Ersatzrad oder bezahlen Geld. Meist ersetzen sie den Neuwert, (…) in manchen Tarifen jedoch nur den Zeitwert."

"Finanztest" bleibt an der Oberfläche
Wichtig zu wissen: "Finanztest" wertet es positiv, wenn bei Diebstahl entweder ein Ersatzrad zum Neuwert oder ein Geldbetrag als Neuwert bezahlt wird. In den Test-Tabellen ist dann immerhin ausgewiesen, welcher Anbieter welche Version davon vornimmt. Dabei sind die Fußnoten wichtig. Erst dort wird sichtbar, dass die Ammerländer zwar einen Geldbetrag bezahlt, doch der Kunde davon (in Vorleistung) ein neues Fahrrad kaufen muss, um das Geld zu bekommen.

Positive Ausnahmen vom Neukaufzwang nennt "Finanztest" nur drei: Signal-Iduna, Arag (Fahrrad-Diebstahlschutz) und WGV. Tarife über Vergleichsrechner wie Giessmanns "Fahrsicher" hatte die Stiftung Warentest gar nicht abgefragt. Da muss der Makler, der für seinen Rat haftet, in jedem Fall tiefer recherchieren. "Billig bedeutet meist Ärger", weiß Melchert aus Erfahrung. (dpo)