"Es scheint so, als hätte die Versicherungsbranche die Relevanz nichtfinanzieller Aspekte verstanden", zieht Carsten Zielke, Gründer und Geschäftsführer der Zielke Research Consult, eine insgesamt positive Bilanz der inzwischen dritten Analyse der Nachhaltigkeitsberichte von Versicherern. Jedenfalls spiele das Thema "Nachhaltigkeit" eine zunehmend relevantere Rolle in der Versicherungswirtschaft. Das erklärten die Zielke-Analysten anlässlich der Vorstellung ihrer Analyse der sogenannten CSR-Berichte der deutschen sowie zweier österreichischer Assekuranzen. Zur Berichterstattung verpflichtet sind grundsätzliche alle börsennotierte Unternehmen und Finanzinstitute mit mehr als 500 Mitarbeitern.

Der öffentliche Druck und die voranschreitende Klimabewegung hätten zu einer immer größer werdenden Sensibilisierung in der Versicherungsbranche geführt. Insbesondere kurzfristige Maßnahmen würden auf das Thema Nachhaltigkeit ausgerichtet. "An der Langfristigkeit der ESG Integration wird hingegen noch gearbeitet“, mahnt Zielke, der zudem bemängelt: "Leider legen die Versicherer die Nachhaltigkeitskriterien ihrer Anlagepolitik nicht so offen, wie sie sollten." Lediglich ein Drittel der analysierten Versicherer berichte über eine konkrete Einbeziehung ökologischer und sozialer Kriterien in die Anlagenpolitik und übernehme damit gesellschaftliche Verantwortung für das eigene Handeln. Bei manchen entstehe sogar der Eindruck, Kennzahlen seien willkürlich gewählt oder würden rückwirkend korrigiert.

Insgesamt haben die Analysten 46 Berichte von Versicherern daraufhin untersucht, wie transparent diese ihr unternehmerisches Handeln in den Bereichen Environment, Social und Governance offenlegen, und zwar anhand von Fragen wie: Was unternimmt der Versicherer, um seinen CO2-Ausstoß im Unternehmen und bei den Kapitalanlagen zu vermindern? Wie engagiert sich das Unternehmen für die eigenen Mitarbeiter und die Gesellschaft, beispielsweise im Bereich Inklusion? Und wie solvent ist das Unternehmen?

Gesamtergebnis verbessert, im europäischen Vergleich noch abgeschlagen
Im Gesamtergebnis hat sich die Branche demnach von 0,03 auf 0,05 Punkte verbessert. Zum Vergleich: Auf europäischer Ebene liegt dieser Wert bei 0,46. Im Bereich Environment ist der Gesamtwert sogar von — 0,13 auf + 0,55 gestiegen. Auch im Sozialen bewerten die Analysten die Versicherer 2019 positiver als 2018. Die Bewertung steigt von — 1 auf — 0,87. Hier sei durchaus noch Luft nach oben. Aber auch im Bereich Governance sei eine minimale Steigerung festzustellen.

Um die Versicherer zu motivieren, noch transparenter und nachhaltiger zu agieren hat die Zielke Research Consult GmbH ein eigenes CSR-Label entwickelt. Ein goldenes Label gibt es für mehr als 2,0 Punkte, ein silbernes für 1,0 bis 2,0 und ein bronzenes für 0,0 bis 1,0 beim Gesamtergebnis der Versicherer, die die Zielke-Studie unterstützen.

Gothaer führt das Ranking an
Die Gothaer erreicht in diesem Jahr mit Abstand Platz eins des Rankings. Erstmalig würden konkrete Maßnahmen zur Reduktion der CO2-Emissionen sowie der Bezug von Ökostrom benannt. Ebenso berichte die Gothaer erstmalig transparent über den Einbezug von ESG-Kriterien in ihre Kapitalanlagepolitik und stelle den Anteil an nachhaltigen Kapitalanlagen transparent dar. Auch die Berichterstattung im sozialen Bereich zeige sich deutlich konkreter und transparenter.

Neben der Gothaer dürfen sich auch Versicherer wie die Helvetia, die Sparkassen-Versicherung und die Allianz schmücken. Die Debeka erhält ein silbernes und die Rheinland-Versicherung ein bronzenes CSR-Label. Ebenfalls gut abgeschnitten habe auch die Münchener Rück.

"In der Studie für das Jahr 2020 werden die Auffindbarkeit der Berichte, die Überprüfung durch externe Unternehmen und die allgemeine Förderung der Gesundheit der Mitarbeiter Berücksichtigung finden", blickt Carsten Zielke nach vorn. Auch habe die EU-Kommission die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) beauftragt, neue Standards zu entwickeln, um die CSR-Richtlinie weiter auszubauen. Zielke, der als Mitglied in die EFRAG berufen wurde, will mit dem inzwischen gewonnenen Knowhow ab dem kommenden Jahr ein separates Audit der Kapitalanlage und der Passivseite bezüglich ESG-Kriterien anbieten und zertifizieren. (hh)