Seit die Allianz im Jahr 2007 mit ihrem Vorsorgekonzept "Index Select" als erster Versicherer eine indexgebundene Police herausgebracht hat, sind ihr nach und nach weitere Unternehmen gefolgt. 18 Anbieter zählt das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) mittlerweile auf dem deutschen Markt. Sie alle versprechen Sparern Sicherheit und zusätzliche Erträge über Indexbeteiligungen. Doch jetzt tunen einige Versicherer ihre Policen – und bieten sie mit Erhöhungsoption an. IVFP-Geschäftsführer Michael Hauer erklärt im Interview mit FONDS professionell ONLINE, wie die Indexpolicen der zweiten Generation funktionieren.


Herr Hauer, die Stuttgarter Leben ist der erste Versicherer, der an seiner Indexpolice geschraubt und eine Turbo-Variante auf den Markt gebracht hat. Wie viele Produkte dieser Art gibt es inzwischen?

Michael Hauer: In der Tat ist die Stuttgarter Leben Vorreiter in Sachen Index-Turbo. Der Versicherer ist 2016 mit der "Index-Safe" an den Start gegangen. Als erste indexgebundene Police bietet sie Kunden die Möglichkeit, ihre Renditechancen über Erhöhungsoptionen zu verbessern. Inzwischen haben auch die Allianz Leben sowie die Ergo Leben solche Produkte im Programm. 

Indexpolicen sind an sich noch recht junge Produkte. Die Ergo Leben zum Beispiel hat erst seit zwei Jahren überhaupt eine indexgebundene Versicherung im Angebot. Warum bringt die Branche jetzt bereits die zweite Generation heraus?

Hauer: Ein Grund dafür ist sicher, dass es so manchem Unternehmen angesichts des insgesamt niedrigen Zinsniveaus schwerfällt, attraktive Überschüsse zu erwirtschaften. Deshalb werden die Überschüsse in Derivate gesteckt, um die Rendite zu hebeln. Indexpolicen mit Erhöhungsoptionen bieten dem Versicherungsnehmer darüber hinaus die Möglichkeit, für die Beteiligung am Index durch Derivate zusätzlich einen gewissen Teil des Vertragsguthabens einzusetzen. In Zeiten immer schwerer zu erzielender Überschüsse ist das im Grunde eine interessante Idee.

Interessant vielleicht, gleichzeitig macht dieses Konzept die ohnehin schon nicht leicht zu verstehenden Indexpolicen noch einmal komplexer, oder nicht?

Hauer: Ja, Indexpolicen mit Erhöhungsoptionen sind komplex. Aber nur weil ein Produkt komplex ist, muss es ja nicht schlecht sein. Schließlich versuchen die Anbieter über bestimmte Derivate-Konstrukte zusätzliche Renditechancen für den Kunden zu schaffen. Natürlich müssen die Vermittler die Wirkungsweise der Produkte erklären, denn sonst kommt es leicht zu falschen Vorstellungen. Wichtig dabei: Die Wirkung muss erklärt werden – nicht die Technik im Hintergrund. Diese sollte aus meiner Sicht weder für den Vermittler noch für den Kunden eine Rolle spielen. 

Trotzdem wüssten wir gern, wie die neuen Policen mit Turbo im Vergleich zu den indexgebundenen Versicherungen der ersten Generation funktionieren. Können Sie das bitte einmal erläutern?

Hauer: Gern. Schauen wir uns zunächst die Funktionsweise der Policen ohne Erhöhungsoption an. Bei einer Indexpolice zahlt der Sparer regelmäßig Beiträge ein, die in das Sicherungsvermögen des Anbieters fließen. Erzielt der Versicherer Überschüsse, kann der Kunde wählen: Entweder, er lässt sich seine Überschussbeteiligung gutschreiben, oder er nutzt sie, um an der Entwicklung eines Index oder Indexkorbs zu partizipieren. Mit den erzielten Überschüssen kauft der Versicherer ein Finanzderivat auf den verwendeten Index. Das Derivat gewährleistet, dass das Vertragsguthaben an einer positiven Wertentwicklung beteiligt ist. Das Finanzderivat wirkt also wie ein Hebel. Macht der Index in schlechten Börsenphasen Verluste, verliert der Sparer nur den eingesetzten Überschuss. 

Für diese Sicherheit bezahlt der Anleger aber gewissermaßen einen Preis.

Hauer: Ja, bei den Policen wird die Indexentwicklung auf Monats- oder Jahresbasis betrachtet. Profitiert der Sparer zu einem gewissen Prozentsatz von einer Wertsteigerung, dann ist von einer Quote die Rede. Wird das Plus gedeckelt, spricht man von einem "Cap". Verliert der Index an Wert, werden Verluste in den meisten Fällen hingegen voll angerechnet. Die Gesamtabrechnung erfolgt nach Ablauf des Indexjahres zum Indexstichtag. Das Ergebnis, das nach Cap oder Quote erzielt wird, ist die sogenannte maßgebliche Rendite. Ist sie positiv, wird sie mit dem Vertragsguthaben multipliziert. So errechnet sich das neue Guthaben am Ende des Indexjahres. Fällt die Indexentwicklung negativ aus, wird sie auf Null gestellt. Die Überschüsse sind verloren, das Vertragsguthaben bleibt jedoch erhalten.

Und wie funktionieren nun Indexpolicen mit Erhöhungsoptionen?

Hauer: Vom Prinzip her genauso. Wie gesagt können Versicherungsnehmer aber zusätzlich einen gewissen Teil des Vertragsguthabens für die Indexbeteiligung einsetzen. Das zusätzliche Geld ermöglicht es dem Versicherer, Derivate zu erwerben, die auf dem Papier mehr als 100 Prozent des Vertragsguthabens – also mehr als den tatsächlichen Policenwert – an der Indexentwicklung teilhaben lassen. Die Hebelwirkung wird also verstärkt. Für den Sparer erhöht sich damit de facto die Partizipationsquote. Nicht zu vergessen ist dabei, dass sich die Bemessungsgrundlage für die Indexpartizipation gleichzeitig verringert, weil aus dem Vertragsguthaben Geld entnommen worden ist. 

Das ist in der Tat komplex. Lässt sich mit den Turbo-Policen denn wenigstens deutlich mehr Rendite erzielen?

Hauer: Eine Untersuchung des IVFP hat gezeigt, dass dies in guten Börsenjahren durchaus möglich ist. Natürlich stehen diesen Chancen auch Risiken gegenüber. Bei einer negativen Indexentwicklung gehen nicht nur die Überschüsse verloren, sondern auch die für den Derivatekauf eingesetzten Teile des Vertragsguthabens. Folgen mehrere Verlustjahre aufeinander, schmilzt das Guthaben immer weiter ab, wenn sich der Versicherungsnehmer für die Indexbeteiligung entschieden hat. Und selbst wenn der Index ein Plus erzielt, können Policen mit Turbo schlechter abschneiden als solche ohne. Das ist der Fall, wenn die Indexentwicklung nicht hoch genug ist, um die höheren Kosten für den Derivatekauf hereinzuholen.

Vielen Dank für das Gespräch. (am)


Einen ausführlichen Bericht über Indexpolicen mit Erhöhungsoptionen finden Sie in der aktuellen Hetftausgabe 2/2019 von FONDS professionell ab Seite 232. Angemeldete KLUB-Mitglieder können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.