Nachgefragt: Warum erleben Run-offs ein Comeback?
Lebensversicherer kämpfen mit Problemen. Ursache sind nicht mehr wie vor sechs, sieben Jahren die Minizinsen, sondern andere Gründe, wie Experten der Redaktion berichten. Das lässt die Gesellschaften nach Auswegen suchen – auch in Form eines Run-offs.
In den vergangenen Jahren war es um externe Run-offs, also die Übertragung eines Bestands an klassischen Lebenspolicen auf eine externe Gesellschaft, ruhig geworden. Die Branche hat nach 2019, als die Generali ihren Bestand auf die Run-off-Plattform Viridium übertragen hatte, gewissermaßen den Pause-Knopf gedrückt. Nun nimmt der Run-off-Trend wieder Fahrt auf – ein Paukenschlag war etwa, dass die R+V den Lebensversicherungsbestand ihrer Maklertochter Condor an die Investmentgesellschaft Acathia Capital verkauft. Woran liegt das?
Der wichtigste Grund ist sicherlich der Strukturwandel in der Branche, verbunden mit einer seit Jahren rückläufigen Nachfrage nach Lebenspolicen, was sich in schrumpfenden Beständen niederschlägt. Allein 2024 verloren die Lebensversicherer über 1,2 Millionen Verträge: Das Neugeschäft kompensierte den Abgang nicht. Denn immer mehr Verbraucher wünschen kapitalmarktnahe Produkte. Damit geraten Lebensversicherungen gegenüber anderen Anlagemöglichkeiten wie Fonds und ETFs ins Hintertreffen. "Auch das Sparverhalten ändert sich, da bei vielen Verbrauchern kurzfristige Konsumausgaben stärker in den Vordergrund rücken als eine langfristige Altersvorsorge", erklärt Stefan Heyers, Head of Insurance bei KPMG Deutschland.
IT-Kosten
Ein weiteres großes Problem sind die Aufwendungen für die schrumpfenden Bestände. "Versicherer haben hohe Kosten, die in teils veraltete IT-Infrastruktur und gebundene Mitarbeiterkapazitäten fließen. Weiterhin muss auch die Erfüllung regulatorischer Anforderungen sichergestellt werden", sagt Heyers. Er verweist etwa auf die Solvency-II-Richtlinie und die DORA-Verordnung (Digital Operational Resilience Act). "Die IT-Systeme vieler Versicherer sind alt und komplex, die Sicherstellung eines technisch einwandfreien Betriebs wird zunehmend schwieriger – und die Umstellung auf neue Systeme ist kostenintensiv und erfordert eine immense Investitionsfähigkeit", ergänzt Philip Franck, Partner der auf Finanzdienstleister spezialisierten Beratungsgesellschaft Zeb.
Zudem zeitigt die Neuordnung der Produktpalette nicht die gewünschten Effekte. Die Versicherer kämpfen zwar nicht mehr mit Altverträgen, für die sie hohe garantierte Zinsen erwirtschaften müssen, da viele dieser Policen ausgelaufen sind und die Anbieter auf Tarife mit niedrigeren Garantiezinsen sowie Fondspolicen umgestellt haben. "Diese Altverträge sorgen seit dem Ende der Nullzinsphase wieder für Erträge", sagt Franck. Dafür entstehen aber neue Herausforderungen: "Für fondsgebundene Produkte fallen im Neugeschäft hohe Abschlusskosten an, die vorfinanziert werden müssen", erklärt er.
Bafin schaut Anbietern auf die Finger
Hinzu kommt, dass die Anbieter für diese Policen häufig nur den Versicherungsmantel stellen, an den Kapitalerträgen verdienen sie in der Regel nichts. Mit hohen Gewinnen aus Risikoüberschüssen dürfen sie ebenfalls nicht rechnen. "Bei den Verwaltungskosten können die Versicherer auch nicht zulangen: Die Bafin schaut zunehmend genauer auf die Effektivkosten, die die Rendite für die Kunden mindern." Das wiederum schmälert die Erträge der Gesellschaften.
Obendrauf kommt die Reform der privaten Altersvorsorge – für Franck ein "Brandbeschleuniger". "Zum einen sorgt das neue Gesetz mit der Abschaffung der Beitragsgarantie und des Verrentungszwangs dafür, dass Versicherer starke Konkurrenz von Asset Managern und Banken bekommen", erläutert der Consultant. "Zum anderen droht das geplante staatliche Standarddepot zum großen Problem zu werden, da viele Verbraucher fälschlicherweise denken dürften, dass im Fall der Fälle der Staat die eingezahlten Gelder garantieren wird." Durch die Reform nehme "perspektivisch die Bedeutung der Versicherer und auch die Größe ihrer Bestände weiter ab", so Franck. Größere Gesellschaften mögen solche Herausforderungen stemmen können – kleinere dagegen stoßen an ihre Grenzen. Das lässt sie nach Auswegen suchen, auch in Form eines Run-offs. (jb)
In einem ausführlicheren Artikel zu Run-offs, der in der Ausgabe 2/2026 von FONDS professionell erschienen ist (auch hier im E-Magazin; Anmeldung erforderlich), finden Leser weitere Informationen zur Lage der Versicherer und dazu, was ein Run-off für die Courtage der Makler bedeutet.















