Die deutschen Lebensversicherer haben insgesamt ihre Finanzkraft steigern können. Die Solvenzquoten (SCR) der Branche, die als Gradmesser für ihre finanzielle Gesundheit gelten, haben sich im Vergleich zum Vorjahr verbessert. Allerdings gibt es zwölf Versicherer und damit einen mehr, die unter "Manndeckung" der Aufsichtsbehörde Bafin stehen. Zudem gibt es große Spannen bei den Quoten, was zu einer "Drei-Klassen-Gesellschaft" führt. Das ergibt eine Auswertung der Solvenzberichte der 84 Versicherer für das Jahr 2018 durch Policen Direkt, einem Aufkäufer von Lebensversicherungen.

Im Detail hat Policen Direkt aus den 2018er Berichten herausfiltriert, dass die Netto-SCR-Quote branchenweit 273,67 Prozent beträgt – nach 273,24 Prozent 2017. Die sogenannte Brutto-SCR-Quote, die unter Berücksichtigung von Übergangsgenehmigungen berechnet wird, liegt im Schnitt bei 493,23 Prozent, ein sattes Plus von rund 43 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr.

​Run-off-Plattformen in Manndeckung 
Zur Erklärung: Die SCR-Quote beschreibt das Verhältnis von Eigenmitteln des Versicherers zur "Solvenzkapitalanforderung", die sich aus dem Risikoprofil der Kapitalanlagen der Gesellschaft ergeben: Je mehr risikoreiche Assets ein Versicherer hält und je mehr mögliche Zahlungspflichten in Zukunft – etwa in Form von kranken Personen, die eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei ihm haben – zu decken sind, desto höhere Eigenmittel sind vorzuhalten. Eine SCR-Quote – netto, ohne behördliche Ausnahmegenehmigungen – von 100 Prozent gilt hier als Untergrenze: Diese bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass eine Gesellschaft in der Lage ist, alle etwaigen Verluste innerhalb eines Jahres auszugleichen. Allerdings ist die Aussagekraft der SCR-Quote umstritten.

Unter den zwölf Gesellschaften, die die Netto-SCR-Untergrenze unterschreiten, befinden sich übrigens ein paar Versicherer, die ihre Bestände abwickeln ("Run-off") oder als sogenannte Run-off-Plattformen die Bestände anderer aufkaufen und abwickeln. Darunter finden sich die Athora, Frankfurter Leben und die Neue Leben.

Vier Versicherer erfüllen Mindestanforderungen nur mit Mühen
Es gibt sogar noch eine dritte Kennzahl: Die Mindestkapitalquote (MCR), die sich auf die Anforderungen im Normalbetrieb und damit die aktuellen Verpflichtungen gegenüber Kunden bezieht. Diese lag im Berichtszeitraum über alle Gesellschaften bei 704,47 Prozent und damit rund 26 Prozentpunkte niedriger als 2017. Policen Direkt zufolge können aber vier Versicherer diese Anforderungen nur mithilfe der Bafin erfüllen: Athora Lebensversicherung, Frankfurter Münchener Lebensversicherung, Landeslebenshilfe und Rheinland Lebensversicherung.

Policen Direkt hat die Gesellschaften ferner in drei Kategorien unterteilt: In der ersten Gruppe sind die 20 Unternehmen mit einer Solvenzquote ohne Bilanzierungshilfen von unter 150 Prozent versammelt. Diese stünden aktuell vor Herausforderungen, sofern sie noch Neugeschäft betreiben wollen. Bei der Wahl der Produkte für das Neugeschäft und bei der Höhe der Überschussbeteiligung seien sie eingeschränkt, heißt es im Bericht. 

27 Unternehmen weitgehend gerüstet
27 Unternehmen sieht Policen-Direkt-Chefaktuar Henning Kühl im grünen Bereich. Mit einer Nettoquote von 150 bis 300 Prozent seien sie weitgehend finanzstark und gerüstet für Extremszenarien. Sie sind in der Lage, den eingegangenen Versprechen gegenüber ihren Vertragsnehmern unverändert auch in Zukunft nachzukommen. 

Und 36 Unternehmen können aufgrund ihrer komfortablen Solvenzkapitalausstattung mit einer Nettoquote von mehr als 300 Prozent ihren Kunden sogar höhere Leistungen gewähren, zum Beispiel in Form von Überschüssen oder Garantien im Neugeschäft. Zu diesen gehören etwa die Allianz Leben (Netto-SCR 324%), Condor Leben (550%), Ergo Direkt (703%), LV 1871 (469%) oder die Provinzial Nordwest (392%). (jb)