Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) abgeschlossen hat, fühlt sich im Krankheitsfall bestens aufgehoben. Doch nicht wenige Vertragsnehmer tappen unabsichtlich in eine böse Falle: Dann nämlich, wenn sie vorübergehend in Teilzeit jobben und in dieser Phase ausfallen. Der Grund: Teilzeitkräfte bekommen bisher erst ab einem höheren Erkrankungsgrad gleiche BULeistungen wie Vollzeitbeschäftigte. Die Hamburger Condor Lebensversicherung will mit einem neuen Vertragszusatz diesen Missstand aufheben. Was genau dahintersteckt, erläutert Produktmanager Christian Dulitz im Interview mit FONDS professionell ONLINE.


Herr Dulitz, was beinhaltet die neue Klausel und warum finden Sie die so wichtig?

Christian Dulitz: Die Teilzeitklausel weitet den Versicherungsschutz im Kern aus. Reduziert der Kunde nach BU-Vertragsabschluss seine Arbeitszeit, bleibt für die BU-Leistungsbeurteilung trotzdem seine höchste jemals vertraglich oder gesetzlich fixierte Arbeitszeit maßgebend. Bei anderen Anbietern müsste er als Teilzeitbeschäftigter einen viel höheren BU-Grad nachweisen, zum Beispiel 80 statt 50 Prozent bei Vollzeitarbeit, weil Teilzeitkräfte bisher erst mit einem höheren Erkrankungsgrad gleiche Leistungen wie Vollzeitbeschäftigte erhielten. Damit beseitigen wir die größte "Krankheit" der BU: die Teilzeitfalle.

Wie kommt man auf eine solche Idee?

Dulitz: Wir sind stetig auf der Suche nach Bedingungsverbesserungen, die unseren Kunden einen Mehrwert bieten. Hierzu tauschen wir uns auch mit Maklern, Ratingagenturen und Sachverständigen aus. Die neue Teilzeitklausel ist im Rahmen einer Produktberatung mit dem Makler und BU-Sachverständigen Bert Heidekamp entstanden, der über eine eigene Plattform BU-Bedingungen bewertet. Hier stößt man auf Themen, die man sonst vielleicht nicht sofort sieht – in diesem Falle die Teilzeitfalle. Das Problem hat Condor nun als bislang einziger Versicherer in Deutschland gelöst.

Das mag ja für vorübergehende Teilzeitarbeit gut sein, doch wer dauerhaft verkürzt arbeiten will, bekäme unverdient eine zu hohe BU-Leistung. Lädt die Klausel zur Bereicherung ein?

Dulitz: Nein, denn die Klausel hat keinen Einfluss auf die Höhe der versicherten Rente. Bei der BU handelt es sich um eine Summenversicherung, bei der immer die versicherte Summe zur Auszahlung kommt – unabhängig von dem vor Eintritt der BU erzielten Einkommen. Die Teilzeitklausel regelt die faire und gerechte Leistungsprüfung für die Menschen, die nach BU-Vertragsschluss in Teilzeit gewechselt sind. Diese Kunden tappen unwissend in die "Teilzeitfalle" der BU, da Sie in Teilzeit viel schwerer erkrankt sein müssen, um eine BU-Leistung zu erhalten.

Gerade in der BU-Versicherung sind Bedingungen häufig prämienneutral zugunsten der Kunden erweitert worden, was betriebswirtschaftlich verwundern muss. Kostet die neue Klausel auch nichts?

Dulitz: Die Klausel ist obligatorisch in den Bedingungen enthalten und kostet Geld. Wie viel, bleibt Betriebsgeheimnis. Was wirklich einen Mehrwert bringt, kostet natürlich in der BU-Versicherung immer etwas. Denn niemand kann in den oft 40 bis 50 Jahren einer BU-Vertragslaufzeit eine Teilzeitbeschäftigung ausschließen. Schon heute arbeitet jede zweite Frau und jeder zehnte Mann in Teilzeit – mit steigender Tendenz.

Heißt das im Umkehrschluss, dass kostenneutrale Bedingungsverbesserungen eher eine Bedeutung für das Marketing haben?

Dulitz: Viele neue Klauseln im Markt werden kostenneutral in die Bedingungen aufgenommen. Daran kann man schnell deren Wert erkennen. Den Mehrwert unserer Teilzeitklausel wird man in Zukunft stärker spüren, denn Lebens und Arbeitsmodelle verändern sich stark. In meinem eigenen Bekannten- und Freundeskreis arbeiten bereits einige Elternpaare in Teilzeit, um die Erziehung der Kinder gerecht aufzuteilen.

Also eine sehr werthaltige Verbesserung?

Dulitz: Aus meiner Sicht ist das die erste wirkliche BU-Innovation seit Einführung der AU-Klausel im Jahr 1999. Diese besagt, dass ein Kunde automatisch als berufsunfähig gilt, wenn er länger als sechs Monate krankgeschrieben ist. Die Teilzeitklausel ermöglicht Millionen von Teilzeitbeschäftigten eine faire und gerechte BU-Prüfung. Ohne die Teilzeitklausel kommt deren BU-Absicherung im Grunde einer Erwerbsunfähigkeitsversicherung gleich, denn sie müssten einen BU-Grad von 70 bis 90 Prozent erreichen, um gleiche BU-Leistungen wie ein Vollzeitbeschäftigter zu erhalten.

Es gibt Kritik an der Teilzeitklausel, dass diese nicht mit Paragraf 172 VVG vereinbar sei. Wie gehen Sie damit um?

Dulitz: Diese Kritik ist aus unserer Sicht unbegründet, denn Paragraf 172 VVG ist nicht "halbzwingend". Das bedeutet, es darf hiervon positiv abgewichen werden. Nach dem Willen des Gesetzgebers soll der Versicherungswirtschaft im Sinne der Produktvielfalt keine Fessel für die Definition der Berufsunfähigkeit angelegt werden.

Die meisten Wettbewerber haben Ideen der Condor, wie die AU-Klausel oder den Verzicht auf Umorganisation für Unternehmer im BU-Fall, aufgenommen und adaptiert. Wird das diesmal wieder so sein?

Dulitz: Es gibt für Versicherungsbedingungen keinen Patentschutz. Daher dürften in absehbarer Zeit die ersten Mitbewerber am Markt auch eine Teilzeitklausel aufnehmen. Bei der AU-Klausel haben alle zunächst gewartet, was der Marktführer macht. Danach war der Bann gebrochen. Mittlerweile gibt es kaum noch eine Gesellschaft, die die AU-Klausel nicht anbietet. Die führenden Ratinggesellschaften haben bereits signalisiert, die Teilzeitklausel als neues Kriterium in ihre Bewertung mit aufzunehmen – und das bereits nach wenigen Wochen. Bei der AU-Klausel hatte es mehr als zehn Jahre gedauert. Auch daran können Sie den Mehrwert der neuen Teilzeitklausel erkennen.

Wird Condor seine BU-Bedingungen auch an anderen Stellen nachschärfen? Es gab ja Einwände von Maklern, dass die sogenannte Schreibtischklausel für Unternehmer (müssen 90 Prozent kaufmännisch tätig sein) noch im Bedingungswerk steht, obwohl der Bundesgerichtshof die Klausel für nichtig erklärt hat (Az.: IV ZR 91/16)?

Dulitz: Die von Ihnen angesprochene Schreibtischklausel ist in unserem aktuellen und auch den Bedingungswerken der letzten Jahre nicht mehr enthalten. Wir werden auch weiterhin daran arbeiten, unsere BU-Bedingungen zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch. (dpo)