In den letzten Wochen und Monaten haben zahlreiche Anbieter die Beiträge in der Pflegezusatzversicherung erhöht  – sowohl im Bestand als auch im Neugeschäft. "Betroffen waren hiervon auch vermeintliche Top-Produkte, die in gängigen Vergleichstests auf den obersten Plätzen rangieren", hat Gerhard Reichl beobachtet. "Dies sorgt für Unmut und Unsicherheit auf Seiten von Verbrauchern und Vermittlern hinsichtlich der Bezahlbarkeit der Beiträge und der getroffenen Anbieterauswahl", so der Senior-Analyst und Fachkoordinator Kranken- und Pflegeversicherung der Assekurata-Assekuranz-Rating-Agentur weiter.

Doch worin liegen eigentlich die Ursachen für die jüngsten Beitragsanhebungen? Mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II) wurden  2017 nicht nur die Leistungen durchgehend angehoben, sondern es sind auch mehr Menschen als zuvor anspruchsberechtigt. Damit erhöhten sich nicht nur die Beiträge in der gesetzlichen Pflegeversicherung, sondern auch in der privaten Pflegezusatzversicherung.

PSG II und abgesenkter Rechnungszins führen zu Beitragsanstieg
In den Schadenstatistiken, die als Kalkulationsgrundlage dienen, zeigt sich in den Jahren nach der Reform laut Reichl eine deutliche Zunahme der Pflegedauer und Leistungen über alle Pflegegrade. So stieg die Zahl der Leistungsempfänger von 2016 bis 2019 um knapp 45 Prozent auf 4,25 Millionen und die Leistungsausgaben um rund 41 Prozent auf 42,27 Millionen Euro.

In Verbindung mit einer Absenkung des Rechnungszinses kam es in den vergangenen Jahren mitunter zu hohen prozentualen Beitragssteigerungen. Dies gilt vor allem für bereits bestehende Bisex-Verträge, die noch vor 2013 mit einem Rechnungszins von 3,5 Prozent abgeschlossen worden waren, aber auch für Unisextarife im Neugeschäft.

"Der unternehmensindividuelle Rechnungszins stellt einen wesentlichen Einflussfaktor auf die Höhe des Beitrags dar", erklärt Reichl. Im Beitrag der Pflegetagegeldversicherung sei nämlich ein hoher Sparanteil enthalten, der kalkulatorisch über die gesamte Laufzeit mit dem angesetzten Satz verzinst wird. Folge: Je höher der Zins, desto geringer der erforderliche Beitrag. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase mussten einige Versicherer ihren Zins aber bereits auf unter 2,0 Prozent senken und die Beiträge daher deutlich erhöhen.

0,5 Prozent weniger Rechnungszins bringen zehn Prozent Beitragserhöhung
"Bereits um einen halben Prozentpunkt abweichende Rechnungszinssätze haben in der Regel Beitragsunterschiede von weit mehr als zehn Prozent zur Folge", schreibt Reichl in einem Blog-Beitrag. Mit der Beitragsanpassung an ein neues Zinsniveau sei dieses dann aber auch lebenslänglich eingepreist, beruhigt der Experte.

Vermittler und Verbraucher sollten sich von Beitragserhöhungen nicht verunsichern lassen und vor allem nicht vorschnell kündigen oder den Anbieter wechseln, warnt Reichl. Zum einen gehen durch einen Unternehmenswechsel alle Alterungsrückstellungen verloren. Zum anderen sei man auch bei einem neuen, vermeintlich günstigeren Anbieter nicht vor einer Beitragsanpassung gefeit.

"Vor Vertragsabschluss sollte man danach fragen, inwieweit der Tarifbeitrag bereits an das niedrigere Zinsniveau und die gestiegenen Leistungsausgaben angepasst ist", rät Reichl. Falls die Beitragslast infolge einer Beitragserhöhung als zu hoch empfunden wird, empfiehlt er, den Versicherungsschutz beziehungsweise das Tagegeld zu reduzieren, um das ursprüngliche Beitragsniveau zu halten, anstatt den Anbieter zu wechseln.

Aktuelle Beitragsspannen für fünf Eintrittsalter
In der Studie "Absicherung im Pflegefall: Mit der Pflegezusatzversicherung von der Teil- zur Vollkasko" gibt es gratis weitere Infos. Aufgrund der jüngsten Beitragsanpassungen hat Assekurata die Untersuchung von 2019 aktualisiert. Dabei werden die verschiedenen Produktlösungen und ihre Besonderheiten vorgestellt und mit Rechenbeispielen belegt, welche monatlichen Beiträge aktuell in verschiedenen Eintrittsaltern vonnöten sind, um die Pflegelücke zu schließen.

Ergebnis: Für die volle Absicherung der Pflegelücke kostet eine neue Pflegetagegeldversicherung laut Assekurata

  • für 25-Jährige aktuell zwischen 21 und 66 Euro Monatsbeitrag;
  • für 35-Jährige zwischen 35 und 98 Euro;
  • für 45-Jährige zwischen 58 und 147 Euro;
  • für 55-Jährige zwischen 93 und 227 Euro;
  • für 65-Jährige zwischen 158 und 376 Euro.

Beim teuersten Angebot gibt Reichl zu bedenken, dass der Tarif in allen Pflegegraden sowohl bei ambulanter als auch stationärer Pflege immer 100 Prozent des vereinbarten Tagegeldes leistet, also eine Maximallösung darstellt. Ohne diesen entsprechend teuren Tarif lägen die Monatsbeiträge je nach Alter maximal bei 48 Euro (für 25-Jährige), 104 Euro (45-Jährige) oder 260 Euro (65-Jährige).

Abschluss tendenziell lohnend
"Aufgrund der hohen Zinsabhängigkeit des Beitrags sollten bei der Suche nach der passenden Pflegezusatzversicherung auch die Qualität des Anbieters, hier speziell der Kapitalanlageerfolg, und die Aktualität der Rechnungsgrundlagen kritisch beleuchtet werden", stellt Reichl klar. Ob eine Pflegezusatzpolice "lohnt", wisse man erst, wenn der Pflegefall eingetreten ist. Dann schützt sie vor finanzieller Überforderung. "Die Wahrscheinlichkeit, zum Pflegefall zu werden, ist gerade in einer alternden Gesellschaft mit steigender Lebenserwartung sehr hoch", gibt Reichl zu bedenken.

Eine kleine langfristige Hoffnung hat Assekurata noch zur Zukunft von Beitragsanpassungen: "Bei steigenden Zinsen müssen die Versicherer die Beiträge auch wieder senken – über eine Anhebung des Rechnungszinses." Damit ist in den nächsten Jahren zwar nicht zu rechnen. Dennoch sei auch unter den aktuellen Niedrigzinsbedingungen eine Vollkaskoabsicherung für den Pflegefall "zu einem bezahlbaren Preis möglich", fasst Reichl zusammen.

Laut Statistik gab jeder Deutsche 2019 insgesamt 216 Euro für Kranken- und Pflege-Zusatzpolicen im Jahr aus. Einer Allensbach-Umfrage von 2019 zufolge würde jeder aber bis zu 98 Euro für eine Pflegezusatzpolice ausgeben – 21 Euro mehr als in der Umfrage von 2017. Die tatsächlichen Monatsbeiträge wurden jeweils doppelt so hoch und damit deutlich überhöht geschätzt. (dpo)