Der Megatrend Demografie hat unsere Gesellschaft längst erfasst. Wenn im Jahr 2030 rund 3,5 Millionen Deutsche pflegebedürftig sein werden – darunter vermutlich 2,15 Millionen Demenzkranke – werden viele allein auf die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung angewiesen sein. Trotz mehrerer Reformen bietet die jedoch bestenfalls eine Art Teilkaskoschutz. Private Zusatzvorsorge täte also dringend not, doch zahlreiche Versicherer machen um das Thema einen großen Bogen, wie eine aktuelle Marktuntersuchung zeigt.

Das Institut für Finanzmarkt-Analyse (Infinma) hat die Anbieter von Pflegerenten-Versicherungen ermittelt. Ergebnis: Waren es 2015 noch 20 Gesellschaften mit 61 Tarifen, die in der Untersuchung zu den Marktstandards berücksichtigt werden konnten, sind es aktuell nur noch ganze neun mit 39 Tarifen. "Zudem überzeichnet selbst diese Zahl die aktuelle Marktsituation deutlich, da allein zwei Lebensversicherer zugleich auch Produktgeber für vier weitere Absicherungsmodelle sind", kommentiert Infinma-Geschäftsführer Marc Glissmann den Schrumpfungsprozess. Bereits seit 2011 untersucht Infinma regelmäßig Marktstandards für Produkte der biometrischen Absicherung, aber auch zu Fondspolicen. Mit den Biometrie-Analysen gibt das Institut Informationen über die am Markt üblichen Regelungen in den jeweiligen Bedingungswerken. Dazu werden alle zu einem Qualitätskriterium am Markt tatsächlich zu beobachtenden Tarif-Varianten erhoben. "Die Ausprägung, die von den Anbietern in ihren Produkten am häufigsten verwendet wird, definiert den jeweiligen Marktstandard im Sinne eines Branchendurchschnitts", erklärt Glissmann die Methodik.

Für den Nachweis der Pflegebedürftigkeit können verschiedene Verfahren zu Rate gezogen werden, etwa anhand des gesetzlichen Pflegegrades, über Schweregrade von Demenz oder das ADL-Punktesystem (ADL = Activities of Daily Living, also Tätigkeiten des täglichen Lebens). Vorteilhaft für den Kunden ist es laut Glissmann, wenn es mehrere Alternativen der Leistungsbeurteilung gibt. Bei 37 von 39 Tarifen sind Einschränkungen bei den ADL Leistungsauslöser.

Kritik an Auslandsleistung der Versicherer
Allerdings seien die ermittelten Marktstandards bei der Pflegerente aus Kundensicht nicht durchgehend positiv zu sehen. So bieten rund 85 Prozent der Tarife keine uneingeschränkte Rentenleistung außerhalb der EU an, und bei etwa 74 Prozent würden die anfallenden Reise- und Übernachtungskosten für die nötige Zwischenuntersuchung in der EU nicht übernommen.

"Trotz eines weltweiten Versicherungsschutzes, den sämtliche untersuchte Produkte laut Bedingungen anbieten, bedeuten diese Regelungen nicht unerhebliche Einschränkungen für Kunden, die ihren Ruhestand außerhalb der EU verleben möchten", stellt Infinma fest. Nicht nachvollziehbar sei in diesem Zusammenhang der Kontrast zur BU-Versicherung, in der 100 Prozent der Tarife weltweiten Versicherungsschutz anbieten und etwa 95 Prozent sehr wohl die anfallenden Reise- und Übernachtungskosten übernehmen.

Beobachter bemängeln Bewertungsmodus
Nicht nur die Versicherungsbedingungen, auch die Infinma-Studie selbst stößt einigen Kennern sauer auf. "Es ist zu begrüßen, dass auch die Pflegerente im Fokus von Bewertungsfirmen ist, doch die aktuelle Infinma-Bewertung sehe ich eher kritisch", sagt Bert Heidekamp, Deutschlands einziger geprüfter und international zertifizierter Sachverständiger für BU-, Unfall- und Pflegeversicherungen. Er hat kürzlich Pflegerentenpolicen nach 83 Schwerpunktfragen mit mehr als 900 Qualitätsmerkmalen überprüft.

Sein Fazit: Die Ideal Versicherung ist sowohl bei Pflegerenten gegen Einmalbeitrag als auch gegen laufenden Beitrag mit je 63 Prozent Erfüllungsgrad bei den Schwerpunktfragen Testsieger. "Die weiteren Anbieter eines überschaubaren Marktes sind weit abgeschlagen“, so Analyst Heidekamp, der die Ergebnisse im Internet regelmäßig publiziert.

Weitere Schwerpunktfragen relevant
Heidekamp vermisst bei der Infinma-Untersuchung beispielsweise den Vergleich zum Pflege-Tagegeld, "Es gibt durchaus Vorteile bei Pflegerenten-Versicherungen, etwa die Chance auf abgekürzte Beitragszahlung, was mit Eintritt ins Rentenalter meist als sehr wohltuend empfunden wird."

In diesem Zusammenhang stellen sich mehrere Schwerpunktfragen, etwa, ob Zuzahlungen, Auszahlungen oder jederzeit eine Kündigung möglich sind. Und falls ja, unter welchen Voraussetzungen. "Nach meinen Kenntnisstand widmet Infinma sich dazu mit keiner Frage, suggeriert aber mit dem Begriff 'Marktstandard', dass dies der Standard in Deutschland für die Bewertung von Pflegerenten ist", moniert der Analyst. Wenn wichtige Merkmale fehlten oder für die Gesamtbewertung nur am Rande berücksichtigt würden, könnten allgemeine Aussagen und damit verbundene Wertungen auch in die Irre führen. (dpo)


Zur Infinma-Untersuchung: Viele Kriterien, aber keine Tarifnamen
Aktuell hat Infinma 18 Bewertungskriterien herausgearbeitet. Daraus wird ausdrücklich kein Rating erstellt, da man der Ansicht ist, dass sich die einzelnen Bedingungsbestandteile nicht gegeneinander "aufrechnen" lassen. Namen der Anbieter, die den Marktstandard mindestens erreicht haben und deren Tarifbezeichnungen gibt es im Internet. Die Bewertungskriterien bei der Pflegerente sind:

  • Prognosezeitraum
  • Rückwirkende Leistung bei fehlender Prognose
  • Leistungsbeginn
  • Stundung nach Leistungsmeldung
  • Meldepflichten
  • Herabsetzung/Wegfall der Pflegerente („Leistungsgarantie“)
  • Untersuchungen im Ausland
  • Leistungen im Ausland
  • Umstellungsoption
  • Wiedereingliederungshilfe
  • Garantierte Leistungsdynamik
  • Meldefristen
  • Befristetes Anerkenntnis
  • Beitragsstundung bei Zahlungsschwierigkeiten
  • Unabhängige Nachversicherungsmöglichkeit
  • Leistung kann über ADL beantragt werden
  • Leistung kann über Pflegegrade beantragt werden
  • Leistung kann über Schweregrade von Demenz beantragt werden.