Jedes vierte bis fünfte mittelständische Unternehmen in Deutschland wurde schon Opfer eines erfolgreichen Cyberangriffs. Auf mehr als 250 Milliarden Euro jährlich beziffert der Digitalverband Bitkom die Schäden für die deutsche Wirtschaft durch Diebstahl, Spionage und Sabotage – zwei Drittel davon gehen auf Cyberangriffe zurück. Zugleich unterschätzten insbesondere Mittelständler die eigenen Cyberrisiken und überschätzten die Qualität ihrer IT-Schutzmaßnahmen systematisch. Zu viele Betriebe sind noch immer unterversichert oder gar nicht geschützt.

Abhilfe kann das neue "Rating zur gewerblichen Cyberversicherung" des Analysehauses Franke und Bornberg (FuB) bringen. "Seit der Erstveröffentlichung des Ratings im Oktober 2018 hat sich der Markt rasant entwickelt – mit deutlich gestiegener Qualität", urteilt FuB-Geschäftsführer Michael Franke. Statt 34 Tarifen von 28 Gesellschaften 2018 fließen nun 201 Tarife von 27 Versicherern in die Analyse ein. "Der Markt ist reifer, breiter und – in der Spitze – deutlich besser geworden", so Franke.

Wie die Tarife bewertet wurden
Bewertet wurde, was die Versicherer standardmäßig anbieten. Herangezogen haben die Analysten von Franke und Bornberg dazu über 100 Detailkriterien in 27 Bereichen. Details zur Methodik stehen im Internet (externer Link). Das Rating beruhe ausschließlich auf selbst recherchierten Daten. Als Grundlage dienten FuB rechtsverbindliche Unterlagen wie Versicherungsbedingungen, Verbraucherinformationen, Antragsformulare und Versicherungsscheine. Werbliche Aussagen, Selbstauskünfte und Leistungsversprechen außerhalb der Vertragsdokumente blieben unberücksichtigt.

Ergebnis: Erstmals gibt es die Bestnote FFF+ (hervorragend), und gleich für drei gleichlautende Tarife bei der Provinzial Nord Brandkasse, Provinzial Versicherung (ehemals Provinzial Rheinland) sowie Provinzial Versicherung (ehemals Westfälische Provinzial). Hinzu kommen 31 Tarife mit der Note FFF (sehr gut). Die Masse (48,3 Prozent) schaffte eine gute Bewertung (FF+) – siehe Grafik. Die detaillierten Ergebnisse können im Internet (externer Link) nachgelesen werden.

Quelle: Franke und Bornberg 

Große Unterschiede bei den Bedingungen
"Trotz des insgesamt positiven Trends weisen viele Tarife nach wie vor strukturelle Schwächen auf, die für Vermittler und Versicherungsnehmer erhebliche Konsequenzen haben können", warnt Franke. Dazu zählen:

  • Betriebsunterbrechung: Fehlende oder zu eng gefasste Deckung von Ertragsausfällen – insbesondere bei Cloud-bedingten Ausfällen.
  • Drittschäden: Lücken bei immateriellen Schäden, also Schäden, die keine direkten Vermögensschäden sind.
  • Technische Störungen: Unzureichende Abgrenzung zum Eigenschaden.
  • Sachschäden an versicherten IT-Systemen: Unklare oder zu enge Definitionen.
  • Obliegenheiten: Unverhältnismäßig strenge Anforderungen, die im Schadenfall zur Leistungsfreiheit führen können.
  • Anzeigepflicht bei Gefahrerhöhung: Intransparente Regelungen zulasten der Versicherten.

Was gut und schlecht unterscheidet
Besonders kritisch: Wer einen schwachen Tarif wählt, bemerkt dies oft erst im Schadenfall – wenn Deckungslücken sichtbar werden, auf die weder der Vermittler noch der Kunde hingewiesen wurden. Gute Cyberprodukte müssten heute unter anderem Folgendes leisten: Deckung von Ertragsausfällen bei Betriebsunterbrechung, Schutz bei immateriellen Drittschäden, keine Subsidiarität der Cyberdeckung gegenüber anderen Versicherungen, Rückwärtsdeckung ohne Wissenszurechnung sowie eine zeitliche Befristung der IT-Wiederherstellung von nicht weniger als zwölf Monaten nach Schadeneintritt.

"Cyber ist heute keine Nische mehr – es ist eine der wichtigsten Gewerbeversicherungen überhaupt", betont Christian Monke. "Dass ausgerechnet ein öffentlicher Versicherer die Spitzenposition hält, zeigt: Es braucht keine angloamerikanische Prägung, um ein hervorragendes Cyberprodukt zu entwickeln", so der Leiter Ratings Gewerbliche Risiken bei FuB. Entscheidend sei der Wille, Deckungslücken konsequent zu schließen – und dies lasse sich messen. "Öffentlich-rechtliche Versicherer engagieren sich zunehmend und mit Nachdruck für die Deckung von Cyberrisiken im Firmenkundengeschäft", beobachtet Monke.

Qualitätssprung innerhalb von acht Jahren
2018 sei dies noch anders gewesen: Mangels Erfahrung entstanden die Versicherungsbedingungen entweder auf der grünen Wiese oder durch Kopieren von US-Wordings. Es gab auch noch keine Schadenhistorie. Weil Versicherer die sich dynamisch entwickelnden Cyberrisiken nicht einschätzen konnten, versuchten sie, das Risiko an vermeintlich besonders kritischen Stellen in den Bedingungen zu begrenzen. Das Ergebnis war anfangs nicht selten eine Mogelpackung. (dpo)