Verbände und Unternehmen aus der Finanzbranche beschäftigen rund 450 Lobbyisten und geben jährlich knapp 60 Millionen Euro für die Vertretung ihrer Interessen im Bundestag und bei der Bundesregierung aus. Das zeigt eine Recherche von FONDS professionell ONLINE im kürzlich freigeschalteten Lobbyregister des Bundestages.

Das Verzeichnis soll die "Strukturen der Einflussnahme durch Interessenvertreterinnen und Interessenvertreter auf den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess transparent" machen, wie es auf der Startseite des entsprechenden Portals heißt. Der Bundestag hatte die Einführung des Registers im März 2021 beschlossen. Anfang dieses Jahres ging die Übersicht online, Ende Februar mussten Verbände und Unternehmen ihre Daten eingeliefert haben.

Im Register sind aktuell 31 Wirtschafts- und Berufsverbände zu finden, die eindeutig der Banken-, Investment- oder Versicherungsbranche zuzuordnen sind. Ihr Budget für die Lobbyarbeit beim Bundestag und der Bundesregierung beläuft sich auf rund 38 Millionen Euro. Repräsentiert werden die Verbände von 177 "vertretungsberichtigten Personen", die namentlich genannt werden – dabei handelt es sich um die Vorstände und Geschäftsführer der Verbände. Hinzu kommen 331 "Beschäftigte, die Interessenvertretung unmittelbar ausüben", wie die Lobbyisten im Register genannt werden.


In der Bilderstrecke oben hat FONDS professionell wesentliche Ergebnisse der Recherche grafisch aufbereitet und Informationen zu den zehn Verbänden der Finanzbranche mit dem größten Lobbybudget zusammengetragen – einfach weiterklicken!


Die großen Unternehmen verlassen sich bei der Interessenvertretung nicht allein auf die Verbände, sondern beschäftigen eigene Lobbyisten. 34 Banken, Versicherer, Finanzvertriebe und Asset Manager sind im Register zu finden – reine Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Visa oder Paypal blieben bei dieser Zählung außen vor. Ihr Lobbybudget für die Arbeit in Berlin summiert sich auf rund 21 Millionen Euro. Die Zahl ihrer "Beschäftigten, die Interessenvertretung unmittelbar ausüben", beläuft sich auf 114. Genannt werden zudem 196 Vorstände und Geschäftsführer dieser Unternehmen als "vertretungsberechtigte Personen".

Das größte Lobbybudget der Finanzbranche hat dem Register zufolge die Deutsche Bank. Sie gab im letzten Geschäftsjahr knapp 3,6 Millionen Euro für die politische Arbeit in Berlin aus, ihr Eintrag umfasst zehn Lobbyisten. Die Commerzbank kommt auf 2,4 Millionen Euro und sechs Interessenvertreter. Die Allianz findet sich nach diesen beiden Instituten, der R+V Versicherung und der ING erst auf Rang fünf wieder – allerdings nur, weil sich der Versicherer dazu entschieden hat, verschiedene Konzerngesellschaften einzeln zu melden.

Zählt man die Zahlen der diversen Tochterunternehmen und der Holding Allianz SE zusammen, summiert sich das Budget auf 4,1 Millionen Euro, was das der Deutschen Bank deutlich übersteigt. Allerdings liegt der Versicherer damit noch klar hinter dem Unternehmen, das den größten Aufwand für seine politische Arbeit in Berlin betreibt: Volkswagen investierte im letzten Geschäftsjahr 6,5 Millionen Euro für die Lobbyarbeit.

Zwei Fondsanbieter leisten sich eigene Interessenvertreter
Nur zwei Unternehmen im Register sind dezidiert der Asset-Management-Branche zuzuordnen: Die DWS ließ sich die politische Arbeit in Berlin im vergangenen Jahr gut 400.000 Euro kosten, die Union Asset Management Holding investierte sogar knapp 900.000 Euro. Zählt man das Budget dieser beiden Investmenthäuser zu dem des BVI und des Bundesverbands Alternative Investments sowie Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften hinzu, kommt man auf insgesamt rund vier Millionen Euro, die sich die Investmentbranche ihre Berliner Lobbyarbeit kosten lässt.

Eine ähnliche Rechnung für die Versicherungswirtschaft – die Summe der Lobbyausgaben diverserer Verbände und Unternehmen aus der Assekuranz – ergibt ein Budget von 22,5 Millionen Euro, also einen Betrag, der beinahe sechs Mal so hoch liegt wie der der Fondsbranche. Auch das zeigt, welches Gewicht die Assekuranz hierzulande einnimmt. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ist übrigens die Organisation mit dem größten Budget im gesamten Lobbyregister.

Finanzberater mit überschaubarer Lobby
Geradezu klein wirkt dagegen die Lobby-Power der Finanzberater, Vermittler und Versicherungsmakler. Addiert man ihre Ausgaben für die Interessenvertretung zusammen, ergibt sich ein Betrag von rund einer Million Euro. Hinter dieser Zahl stecken Verbände wie der AfW und Votum, aber auch MLP und der Bundesverband Deutscher Vermögensberater, der dem Finanzvertrieb DVAG nahesteht.

Das Lobbyregister erfasst nur die Interessenvertretung gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung. Die politische Arbeit in Brüssel und bei anderen Regierungen oder Behörden findet dort keine Beachtung. (bm/as)