Knapp elf Millionen Haushalte in Deutschland können ihre Rentenlücke im Alter nicht aus eigener Kraft schließen. Das zeigt die Studie "Altersvorsorgebedarf und -potenzial" des Forschungsinstituts Prognos im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Betroffen seien vor allem die unteren Einkommensbezieher, insbesondere Alleinstehende und Alleinerziehende.

Die Situation hat sich trotz Einführung der Riester-Förderung im Jahr 2002 nicht deutlich verbessert, im Gegenteil: "In vier von zehn Haushalten mit Personen im Erwerbsalter ist der finanzielle Spielraum selbst dann zu klein, wenn sie ihr monatlich frei verfügbares Geld vollständig für die Altersvorsorge einsetzen würden", sagt Prognos-Studienleiter Oliver Ehrentraut. Deswegen bestehe großer Nachhol- und teilweise Unterstützungsbedarf. Allerdings gingen aktuelle Zulagen, etwa die Riester-Förderung oder auch Arbeitgeberzuschüsse zur betrieblichen Altersversorgung, nicht in die Berechnung mit ein. Gründe dafür werden nicht genannt.

Inflation verschärft Altersvorsorgesituation
Die derzeit hohe Teuerung verschärfe die Situation zusätzlich und mache staatliche Förderung noch dringlicher. "Die Inflation erhöht einerseits den Vorsorgebedarf, engt aber andererseits den Spielraum zum Sparen heute ein", betont GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Gerade Geringverdiener bräuchten dringend mehr Förderung, zumal die Verbraucherpreisinflation die unteren Einkommensgruppen am stärksten trifft: Während die Konsumausgaben aller Haushalte seit April 2021 um durchschnittlich 5,7 Prozent gestiegen sind, kletterten sie laut Studie im untersten Einkommensviertel der Haushalte um 7,8 Prozent.

"Die Inflation verschärft die Altersvorsorgesituation breiter Bevölkerungsteile", bestätigt Ehrentraut, der als Grundlage für die Studie eine Auswertung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) für 2018 herangezogen hatte. Betrachtet wurden dazu Personen des Jahrgangs 1975, die 2042 in den Ruhestand gehen. Ergebnis: Personen mit geringen Einkommen könnten die Teuerung kaum auffangen, da bei ihnen der Anteil an "nicht notwendigen" Ausgaben relativ klein sei. "Die Mehrausgaben gehen dann zulasten des Sparpotenzials und damit der Altersvorsorge."

Mehr Förderung, weniger Anlagebeschränkungen
Unter diesen Vorzeichen plädiert der GDV für ein attraktiveres und einfacheres Fördersystem. "Eine Erhöhung der Zulagen ist nötig", sagt Asmussen. Zugleich müssten die Ertragschancen in der geförderten Altersvorsorge verbessert werden, um der Inflation zu begegnen. "Eine Lockerung der 100-Prozent-Beitragsgarantie würde es Anbietern erlauben, das Geld der Kunden chancenreicher anzulegen", so der GDV-Chef. Auch die Kosten der Produkte könnten sinken, wenn gesetzliche Vorgaben vereinfacht und komplizierte Wahlmöglichkeiten wegfallen würden.

Bislang ist die Politik zum Thema Riester-Reform weiter auf Tauchstation, obwohl sie in der vorangegangenen Legislatur noch ein neues Riester-Standard-Produkt, quasi "Riester für alle", angekündigt hatte. Im neuen Koalitionsvertrag liest sich das allerdings fast wie eine Beerdigung der Riester-Rente: „Wir werden (…) das Angebot eines öffentlich verantworteten Fonds mit einem effektiven und kostengünstigen Angebot mit Abwahlmöglichkeit prüfen. Daneben werden wir die gesetzliche Anerkennung privater Anlageprodukte mit höheren Renditen als Riester prüfen. (...) Es gilt ein Bestandsschutz für laufende Riester-Verträge.“

Und ist der Ruf erst ruiniert…  
… lebt es sich ganz ungeniert, so der Volksmund. Dabei ist die Riester-Bilanz besser als der Ruf, ist immer wieder von Experten zu hören. "Jeder Zulagen-Euro bei Riester bewirkt mehr als zwei Euro Eigenbeiträge und brachte 2017 letztlich sechs Prozent der gesetzlichen Eckrente, jedes Jahr zunehmend", hieß es in einer früheren GDV-Analyse. Danach funktioniere die Riester-Rente mit mehr als 16 Millionen Verträgen, was für ein freiwilliges System "weltweit einzigartig" sei.

"Die Riester-Rente würde nach wie vor eine sehr gute Vorsorgestrategie darstellen, wenn die Bruttobeitragsgarantie als Bedingung endlich gestrichen würde“, bestätigte mehrfach Michael Hauer, Geschäftsführer des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) und Professor für Finanzmärkte und Financial Planning an der Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Die staatlichen Zulagen förderten überwiegend die Altersvorsorge von Familien und Menschen mit geringem Einkommen, die Steuerersparnis wirkt positiv bei Besserverdienern. 

Riester-Rente nutzt allen Bevölkerungsgruppen
Diese Aussagen werden durch Riester-Studien des IVFP belegt, die allerdings zuletzt 2019 erschienen sind, weil aufgrund der Niedrigzinsphase die 100-Prozent-Garantie nicht mehr realistisch im Neugeschäft darstellbar ist. Ergebnis: Die Riester-Rente erreicht alle Bevölkerungsgruppen, insbesondere auch niedrige und mittlere Einkommensgruppen – Frauen sogar überproportional. Aus der anonymisierten Auswertung von rund 57.000 Verträgen errechnete das IVFP jährlich den Riester-Rendite-Index. Dieser ergab für 2020 eine Rendite von 2,5 Prozent (externer Link) nach Kosten und Steuern (2018: 3,4 Prozent).

Des Weiteren wurde errechnet, dass die Netto-Rentenleistung nach Steuern die Netto-Einzahlungen im Alter von 78 Jahren übersteigt. Im Kollektiv der untersuchten Verträge erreichen Riester-Rentenempfänger etwa nach 14 Jahren die Gewinnzone. "Aufgrund einer unterstellten Lebenserwartung von 86 Jahren folgen dann durchschnittlich acht weitere Jahre Rentenbezug", so Hauer.

Reform mit wenigen Schritten machbar
Eine Stärkung der Riester-Rente sei mit wenigen, einfachen Maßnahmen möglich, hatte das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften kürzlich als These formuliert: Die Anforderung einer Garantie von 100 Prozent der eingezahlten Beiträge muss reduziert und das Zulagenverfahren vereinfacht werden. Eine Studie von Zielke Research kommt zur selben Einschätzung und plädiert sogar für die Aufhebung des Verrentungszwangs, was zu deutlich mehr Altersleistung führen könnte. (dpo)


Die Kurzfassung der Prognos-Studie steht hier (externer Link) zum kostenlosen Download bereit.